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Doppeltes Debakel

Mit zerknautschtem Gesicht rutscht der Vorstandsvorsitzende der VfB Stuttgart AG im Westfalenstadion immer tiefer in seinen Sitz. Von der Seite redet einer seiner neuen Berater unaufhörlich auf Alexander Wehrle ein. Es ist zu vermuten, dass Sami Khedira wenig Erbauliches über den Zustand der Mannschaft zu sagen hat. Wahrscheinlich sind die Wörter „nicht bundesligareif“ gefallen.

Umso überraschender ist daher, dass der Sportdirektor nach Spielende am Sky-Mikrofon mitteilt: Michael Wimmer wird bis mindestens 12. November –  möglicherweise aber auch darüber hinaus – Cheftrainer bleiben. Selten hat Sven Mislintat die VfB-Fans wohl so verstört zurückgelassen. Die bekannt gegebene Entscheidung klingt nach zwei Wochen Dauerberichterstattung über das schwäbische Trainer-Casting wie ein Offenbarungseid.

Erhält das Vertrauen als Interimscoach mindestens bis zur Winterpause: Michael Wimmer (li.).
Machtlos an der Seitenlinie: Wimmer und Mislintat. (Bild: IMAGO via kicker.de)

Wer hat Bock?

Offensichtlich steht der VfB nämlich zwei Wochen nach der Entlassung von Pellegrino Matarazzo bei der Trainersuche weiterhin mit leeren Händen da. Wirkte das Ringen mit den eigenen Überzeugungen und Gefühlen zunächst noch glaubwürdig, sind inzwischen Zweifel angebracht, ob die Herren Entscheider der Situation gewachsen sind.

Nach dem Sieg gegen Bochum war noch die Rede von zwei Trainerkandidaten, die „richtig Bock“ auf den Klub haben. In solchen Momenten packt Sven Mislintat sein Talent als Menschenfänger aus. Dann schwärmt er von der Power, die in diesem Verein stecke, von der Klarheit und Überzeugung, mit der die sportlichen Entscheider die Trainersuche angingen. Das Problem ist dieses Mal nur: Er steht so blank da, wie ein Pokerspieler, der noch nicht einmal ein einfaches Pärchen auf der Hand hat.  

Grundsätzlich sollte eine Führungskraft einen neuen Weg aufzeigen können, wenn sie beschlossen hat, den alten zu verlassen. Besonders wichtig ist dabei, die Leute mitzunehmen und konsistent zu argumentieren. Davon ist der VfB zum wiederholten Male weit entfernt. Die öffentlichen Stellungnahmen gleichen einem verbalen Slalomlauf – gerne mit einer Extraportion Trotz vorgetragen, um kritische Nachfragen in die Schranken zu weisen.  

Ausgerechnet nach dem desolaten Auftritt in Dortmund wird dem Interimstrainer nun also in Aussicht gestellt, länger im Amt zu bleiben. Ist die sportliche Führung denn so von „dem Michi“ überzeugt? Hat der Co-Trainer nach dreieinhalb Jahren täglicher Arbeit mit der Mannschaft jetzt plötzlich den Stein der Weisen gefunden? Oder gibt es gerade einfach keinen anderen, der so richtig Bock auf den Posten hat?

Abwehr gesucht

Die Problemzonen des Kaders sind schon länger bekannt und wurden auch intern sicher schon häufig diskutiert. Die 0:5-Klatsche beim Tabellenachten deckt die Defizite aber noch einmal deutlich auf.

Die beiden 20-jährigen Mittelfeldspieler Ahamada und Millot sind gegen die Schwarz-Gelben von Anfang an überfordert. Ihnen fehlt es an allem, was in einem solchen Auswärtsspiel nötig wäre: Ruhe, Übersicht und körperliche Robustheit. Dass die jungen Entwicklungsspieler wackeln, mag nicht verwundern, aber was die durchaus erfahrene Abwehrreihe in Dortmund abliefert, spottet jeder Beschreibung.

Nicht nur dass Anton, Mavropanos und Zagadou den Laden in keiner Phase zusammenzuhalten vermögen, sie verweigern die Zweikämpfe teilweise regelrecht. Der sonst so zielstrebige Mavropanos bringt den angeschlagenen BVB mit leichten Fehlern im Aufbau immer wieder ins Spiel. Der als Stabilisator verpflichtete Zagadou hat seine beste Szene, als er nach Abpfiff die ehemaligen Kollegen abklatscht. In dieser Verfassung hilft er der notorisch unsicheren Hintermannschaft nicht weiter.  

Leider setzen sich die Probleme in den anderen Mannschaftsteilen nahtlos fort. Tomás befindet sich seit Wochen außer Form, Silas zeigt dieses Mal keine Tricks sondern seine immensen taktischen Defizite. Nicht zum ersten Mal wird deutlich, dass die Balance im Kader fehlt – und auf einigen Positionen auch schlicht die notwendige Qualität. Wenn das Team dann noch nicht einmal bereit ist, sich für seine Aufgabe zu zerreißen, ist es in der Bundesliga chancenlos.

Anlass zur Sorge

Mit 8 Punkten aus 11 Spielen steht der VfB drei Wochen vor der verlängerten Winterpause im dünnen Hemdchen da. Den als Chefcoach im Profifußball völlig unbeleckten Michael Wimmer in die verbleibenden Spiele zu schicken, ist ziemlich riskant. Die Entscheidung auf Grundlage der Siege gegen Bochum und Bielefeld zu treffen, kann man als ganz schön naiv bezeichnen. An dieser Entscheidung trotz der in jeder Hinsicht alarmierenden Leistung in Dortmund festzuhalten, wirkt geradezu unprofessionell.

Wenn es denn je einen Wimmer-Effekt gab, ist der am Samstag implodiert. Es ist schon eine Weile her, dass die Mannschaft derart auseinandergefallen ist. Dass Mislintat dazu neigt, das von ihm verpflichtete Personal überzubewerten und gegen jede Kritik mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, ist hinlänglich bekannt. Dass der neue starke Mann in der AG, auf dessen Visitenkarte unter anderem auch der Titel Sportvorstand steht, nicht in der Lage ist, sich mit seinen Direktoren im Bereich Sport auf die dringend notwendigen Kurskorrekturen zu einigen, gibt Anlass zur Sorge.  

Allen Beteiligten muss klar sein, dass der Handlungsdruck bei einer Niederlage gegen Augsburg enorm wird. Und selbst wenn man sich bis Mitte November durchmogeln kann, müsste der Klub dann gleichzeitig mit dem Sportdirektor und einem neuen Trainer verhandeln – von den Vorbereitungen für die Wintertransferperiode ganz abgesehen. Eine überzeugende Strategie sieht anders aus.

Borussia Dortmund – VfB Stuttgart 5:0

Zum Weiterlesen:

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Tut nicht gut – Rund um den Brustring

Trainersuche beim VfB Stuttgart: Ein heikles Spiel zwischen Chance und Risiko – VfB Stuttgart – Stuttgarter Nachrichten (stuttgarter-nachrichten.de)

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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