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Der Trainer und sein System

Fürth, Wehen-Wiesbaden, Kiel. Das Herbstprogramm im Neckarstadion war für die Marketingabteilung eine harte Nuss. Wie kann man einem Publikum, das vom Selbstverständnis her Bundesligaspitze und internationale Leckerbissen verdient, biederste Zweitligakost schmackhaft machen? Die Vertriebsspezialisten können sich auf die Schulter klopfen: Auch dank kreativer Sonderangebote füllen am Sonntagmittag über fünfzigtausend die Arena in Cannstatt.

Neben den dreißigtausend Dauerkartenbesitzern sind viele Familien mit Kindern und der ein oder andere Schnäppchenjäger zunächst Zeugen eines Spiels auf ein Tor. Lange Passstafetten, unzählige Ballkontakte, aber letzten Endes nur drei nennenswerte Torchancen: Gelios lenkt Försters Schuss um den Pfosten, Silas knallt eine Hereingabe von Castro mit der Innenseite gegen die Latte und González scheitert nach schönem Zuspiel von Silas am langen Bein des Kieler Schlussmanns. Da die Norddeutschen ihre Defensivreihen geschickt verdichten, müssen die Angriffe immer wieder über Kobel neu aufgebaut werden. Die ersten Feinschmecker pfeifen schon nach einer halben Stunde. Sie haben wahrscheinlich ein Offensivfeuerwerk mit Torchancen im Minutentakt erwartet.

Das auf Spielkontrolle ausgelegte System des Trainers sorgt zunehmend für Kontroversen auf den Tribünen: Während die vielen Rück- und Querpässe sowie die kurzen Ecken so manchem auf die Nerven gehen, betonen andere den spielerischen Fortschritt im Vergleich zum uninspirierten Fußball der vergangenen Jahre. Ist das System Walter für die Zuschauer – und vielleicht manchmal sogar für die Spieler – zu kompliziert? Oder brauchen wir nur noch ein bisschen Geduld bis ein Rädchen ins andere greift?        

1. Rückpässe zum Torwart

Die Spielidee des Trainers bezieht den Keeper ins Aufbauspiel ein und sorgt so für eine zusätzliche Anspielstation bei der Spieleröffnung. Andererseits bedeutet das Primat der Spielkontrolle bisweilen eine Tempoverschleppung, statt Überraschungsmomente mit vertikalen Bällen auszunutzen. Wenn das eigene Team dringend Tore benötigt, wird das Publikum schnell ungeduldig. Momentan scheint es, als setze das Team Walters Vorgaben auch dann um, wenn der Spielverlauf oder die taktische Ausrichtung des Gegners andere Varianten vielversprechender erscheinen lassen.       

2. Offensivspiel

Während die Rotationen im Defensivverbund teilweise schon ganz gut funktionieren, bleibt die Offensivreihe eher statisch. Gegen Kiel können die schnellen Außenstürmer selten für Überraschungsmomente sorgen und die Achter kommen kaum einmal in Abschlusspositionen. Gemessen am Ballbesitz und der Passquote ist die Zahl der herausgespielten Torchancen überschaubar. Dieses Manko war bereits in den Spielen gegen Rostock, St. Pauli, Aue, Bochum und Wehen-Wiesbaden zu erkennen. Vielen geht die Entwicklung hier nicht schnell genug.   

3. Restverteidigung

Bei Ballverlust kommt der Gegner oft mit einem einzigen Pass in torgefährliche Räume. Bei den resultierenden Eins-zu-eins-Situationen besitzen ein Kempf oder Badstuber gegen die meisten Zweitligaangreifer noch ganz gute Karten, aber anderen Spielern werden hier schnell die Grenzen aufgezeigt. In der Rückwärtsbewegung fehlt der Mannschaft häufig die Kompaktheit, um entstehende Räume schnell wieder zu schließen. Bislang wussten unsere Gegner diese Schwäche zum Glück nicht konsequent zu nutzen, aber schon in den bevorstehenden Partien gegen den HSV möchte ich ungern einen Sony Kittel oder Lukas Hinterseer durchbrechen sehen.  

4. Taktische Flexibilität

Einer dominanten ersten Hälfte folgt gegen Kiel eine konfuse zweite. Nach Platzverweis plus Gegentreffer versucht die Mannschaft das gleiche System weiterzuspielen – mit einem Innenverteidiger weniger. Die Außenverteidiger sollen wohl nach Bedarf einrücken, um Käptn Kempf zu unterstützen. Die Spielkontrolle und der Zugriff gehen dabei vollkommen verloren, ohne dass der Trainer von außen korrigierend eingreift. Die Zuschauer ahnen schon bald, dass die Störche eher ein zweites Mal treffen, bevor der VfB den Ausgleich erzielt. Walter hat ein tiefes Vertrauen in sein System und ist kaum bereit, sich dem Gegner oder der Spielsituation anzupassen. Geht ein Spiel verloren, liegt es daran, dass sich die Mannschaft selbst ein Bein gestellt habe. Die Zahl derer, die diese einfache Erklärung nicht mehr schlucken, wird größer.

Wer die Interviews nach Spielende sieht, spürt, dass der Trainer zu trotzigen Reaktionen und Selbstgerechtigkeit neigt, wenn etwas nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Inwieweit er intern kritikfähig und reflektiert auftritt, kann ich natürlich nicht beurteilen. Aber: Genauso wie ich die Rufe nach einem Trainerwechsel (leider kein Witz!) oder auch nur das grundsätzliche Infragestellen des eingeschlagenen Weges für verantwortungslos und unangemessen halte, befremdet mich sein Auftreten zunehmend. Ein Spielsystem ist ein Konzept und kein Selbstzweck. Und: Zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz liegt nur ein schmaler Grat. Tim Walter läuft Gefahr, ihn zu überschreiten.

VfB – Holstein Kiel 0:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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