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Das untergehende Reich des Sonnenkönigs

Kurz nach Abpfiff setzt der Regen ein. Kein Gewitterguss, aber genug, um das Wasser übers Gesicht laufen zu lassen, in den Kragen und schließlich den Rücken hinunter. Was würde besser zur Stimmungslage passen? Von mir aus kann es noch ein paar Tage weiterregnen. Die Hoffnung war trügerisch. Der Regen fühlt sich wenigstens ehrlich an.

Wenn mein Sohn in zehn Jahren einen Bundesligarückblick der Saison 2018/19 in die Finger bekommt, wird er nicht glauben können, was er da liest. Eine mit Nationalspielern und Alt-Internationalen gespickte VfB-Truppe scheitert in der Relegation mit zwei Unentschieden an einer soliden, aber reichlich limitierten Mannschaft von Union Berlin. Im alles entscheidenden Rückspiel stand der Zweitligist zu keinem Zeitpunkt wirklich unter Druck und musste nur wenige Schrecksekunden überstehen. Als Aogo den ersten direkten Freistoß seit Kuzmanovic (September 2010) verwandelte, hampelte González vor dem gegnerischen Torhüter herum, meterweit im strafbaren Abseits. Diesen Trick habe ich zuletzt 1985 auf dem Bolzplatz versucht und dem Keeper dabei zugerufen: Du bist in Trixie verliebt. Damals zählte das Tor trotz aller Proteste. Auch die martialisch aussehenden Kopfverletzungen der Stuttgarter Innenverteidiger wirkten wenig einschüchternd, da sie nicht etwa von heldenhaften Rettungsaktionen rührten, sondern von einem ungeschickten Zusammenstoß beim Versuch, den einzigen Berliner Stürmer zu doppeln. Als es bereits ums nackte Überleben ging, entsprang der einzige gefährliche Torschuss einer Verzweiflungsaktion des Verteidigers Pavard. Der als Retter eingewechselte Stoßstürmer Gomez erarbeitete sich in 45 Minuten keine einzige Torchance. Der Schweizer Auswahlspieler Zuber gewann nur zwei seiner sieben Zweikämpfe. Ein furchtbares Spiel am Ende einer furchtbaren Saison, die in Rostock bei einem Drittligisten mit einer Demonstration der Hilflosigkeit begonnen hatte. Es gibt keinen Zweifel: Diesen Abstieg hat sich der VfB über 36 Spiele redlich verdient. Auf fast allen Ebenen war der Club nicht bundesligatauglich.

„Dietrich ist spätestens nach dem Horror des erneuten Abstiegs der ungeeignetste Mann auf dem Planeten, um den VfB zu führen“, schreibt Florian Regelmann auf dem Internetportal Spox. Wer möchte da widersprechen? Wilfried Porth und Hartmut Jenner aus dem Aufsichtsrat sowie Stefan Heim und Jochen Röttgermann vom Vorstand sind auch Gesichter des Misserfolgs und der selbstgerechten Überheblichkeit, die die Stimmung an der Mercedesstraße seit Längerem vergiftet. Die Analyse des zweiten Doppelabstiegs nach 2016 darf trotz des Zeitdrucks nicht oberflächlich ausfallen. Lügen, Charakterlosigkeit, Vetternwirtschaft und Inkompetenz sind kein harmloser Schnupfen, den man mit einem heißen Kräutertee kuriert. Der Tag der Abrechnung mit den Erfüllungsgehilfen und der alten Unternehmerriege naht. Wenn die Spaltung des Clubs weiter vorangetrieben wird, statt endlich zu versöhnen, ist das Ende des Grauens noch lange nicht erreicht. Trotz Hitzlsperger und Mislintat.

In rund drei Wochen – kein Witz – soll Tim Walter bereits das erste Training der neuen Saison leiten. Wer dann auf dem Platz steht, weiß niemand so genau. In wessen Karriereplanung passt denn ein (weiteres) Jahr in der Zweiten Liga? Gentner und Gomez wären wohl bereit, man müsste sie nur mit einem 3D-Drucker reproduzieren und in 1,5-facher Geschwindigkeit ablaufen lassen. Und die zigfach bitter enttäuschten Anhänger? Das Vertrauen zwischen ihnen und dem Club ist so gestört, dass selbst das größte Faustpfand der vergangenen Jahre bald bröckeln könnte. Der umgehend als Ziel ausgegebene direkte Wiederaufstieg ist bei der Konkurrenz aus Hamburg, Nürnberg und Hannover alles andere als garantiert. Vollmundige Ankündigungen müssten in Bad Cannstatt künftig unter Höchststrafe stehen. Sogar ein Niedergang wie der des FCK ist nach Stand der Dinge nicht ausgeschlossen. Viele Fehler darf sich der VfB nicht mehr erlauben, will man das leckgeschlagene Schiff wieder auf Kurs bringen. Denn eine Abwärtsspirale, das sollten Sie als Unternehmer ganz genau wissen, Herr Dietrich, widerfährt einem nicht wie ein Schicksalsschlag, sondern ist das Ergebnis schlechter Führung und falscher Entscheidungen.

Der Regen hat inzwischen nachgelassen, aber der Himmel bleibt grau. Ich möchte das böse Erwachen gerne noch hinauszögern, aber der Tag wird kommen, an dem es heißt: Willkommen zurück im Reich der Montagsspiele, der frühen Anstoßzeiten, der rustikalen Zweikampfführung, des echten Derbys und der Butterfahrten nach Sandhausen oder Heidenheim. Willkommen im untergehenden Reich des Sonnenkönigs.

FC Union Berlin – VfB Stuttgart 0:0

Anmerkung: @tgs96 hat mich dankenswerterweise darauf aufmerksam gemacht, dass Didavi 2016 auch einen direkten Freistoß verwandelt hat. Den hatte ich verdrängt. Kuz war einfach geiler.

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Ein Kommentar

  • Loh

    Dankeschön für diesen Beitrag. Sehr Gut getroffen, auf den Punkt. Verantwortliche heißen so, weil sie die Verantwortung tragen!

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