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Auf der Suche nach dem Ausweg

Was muss passieren, damit der VfB für das Topspiel der Woche angesetzt wird? Die Antwort kann uns nicht gefallen. Sie hat nämlich einen roten Stier im Emblem und ist die deutsche Filiale eines österreichischen Brauseimperiums. Da ich inzwischen die diversen Pay-TV-Anbieter boykottiere, komme ich zum Glück nicht in die Versuchung, den zweiten Tag des Jahres mit einem Geisterspiel zu vergeuden. Zumal der Main-Act sowieso vor Anpfiff auf der verwaisten Tribüne stattfindet: die Begrüßung der zerstrittenen VfB-Bosse.

Noch viele Fragen

Nachdem sich die beiden gestern zumindest zu einem klärenden Gespräch durchringen konnten, stellt sich die Frage, warum die Situation erst so eskalieren musste. Der Schaden ist schon jetzt enorm – für alle Seiten. Hitzlsperger hat gewaltig an Glaubwürdigkeit eingebüßt, indem er die Kompetenz und Teamfähigkeit des amtierenden Präsidenten öffentlich anzweifelte. Am meisten leidet allerdings wieder einmal der Club. Die Schlammschlacht der vergangenen Tage konterkariert die positiven Entwicklungen der letzten Monate.

Inzwischen haben sich viele Beobachter mit den Vorwürfen aus dem offenen Brief auseinandergesetzt. Dabei gibt es immer mehr Fragezeichen. Wie stark fallen beispielsweise die Kosten der externen Ermittlungen im Datenskandal wirklich ins Gewicht? Wusste der Vorstandschef von der Versicherung, die angeblich einspringen kann? Unklar bleibt auch, inwieweit die Ermittlungen auf der Geschäftsstelle unterstützt werden. Kürzlich wehrte sich Hitzlsperger noch vehement gegen Vorwürfe, die Untersuchungen würden von Teilen der AG behindert. Jetzt werden neue Stimmen laut, die behaupten, eine größere Fraktion im Club wolle den Auftrag des Dienstleisters gerne eingrenzen oder am liebsten sofort beenden.

Vergessene Stolpersteine

Die ersten fragen sich auch, ob die große Nervosität an der Mercedesstraße alleine auf die mutmaßlich rechtswidrige Weitergabe von Mitgliederdaten zurückzuführen ist. Datenschutz ist zwar wichtig und das Vertrauen der Mitglieder erst recht, aber sind diese Enthüllungen alleine brisant genug, um das verborgene Machtzentrum implodieren zu lassen? Wer schon einmal verzweifelt etwas im Haus gesucht hat, weiß, dass dabei manchmal zufällig andere Dinge ans Tageslicht kommen, die schon längst verloren und vergessen geglaubt waren.

Selbst wenn die externen Ermittlungen solche Dinge nicht direkt an die Oberfläche befördern, könnten Mitarbeiter, die sich in die Enge getrieben fühlen, kompromittierende Informationen preisgeben. Wer die Vereinsgeschichte der vergangenen Jahre noch einmal vor dem inneren Auge ablaufen lässt, findet so manche Stolpersteine, die vermeintlich schon mit Moos überwachsen sind.

So wie Hitzlsperger den Prozess bei der Beauftragung der Kanzlei Esecon in Frage stellt, könnte zum Beispiel jemand auf die Idee kommen, die Beauftragung der Schlicon e.K. im Frühjahr 2016 genauer unter die Lupe zu nehmen. Andere würden sich vielleicht gerne noch einmal die Geschehnisse rund um die Wahl des Geschäftsmannes Wolfgang D. zum Präsidenten anschauen, oder die schon vorher eingeleitete Kampagne zur Ausgliederung.

Was geschieht in den Gremien?

Wie der Blog „Rund um den Brustring“ herausgearbeitet hat, stehen Fragen an alle Gremien des VfB im Raum. An dieser Stelle hat Hitzlsperger Recht, wenn er feststellt, dass der „Riss nicht zwischen e.V. und AG“ verläuft. Er verläuft vielmehr zwischen jenen, die daran interessiert sind, die Altlasten beim VfB endgültig zu entsorgen, und denen, die genau das verhindern wollen. Es gibt Kräfte im Vereinsbeirat, die nicht so handeln, als seien sie in erster Linie den Mitgliedern verpflichtet. Das Präsidium ist paralysiert, da der erwähnte Riss mitten durch das Gremium verläuft. Die Rolle des Aufsichtsrats – insbesondere die des so genannten Ankerinvestors – ist erst recht fragwürdig. Es gibt nicht wenige, die behaupten, der VfB werde schon seit geraumer Zeit im Grunde aus diesem Gremium heraus geführt. Nach dem Präsidenten, den sie wollten, gab es den Vorstandsvorsitzenden ihrer Gnaden und jetzt offensichtlich wieder die Bestrebung, auch das Präsidentenamt zu kontrollieren.

Wer steckt hinter der Bewerbung?

Mangelnder Respekt vor dem gewählten Präsidenten – und nichts anderes kommt in Hitzlspergers Schreiben zum Ausdruck – bedeutet gleichzeitig mangelnden Respekt vor den Mitgliedern. Diesen Aspekt hat der sonst als so smart geltende Oberbayer wohl unterschätzt. Als Bilanz der Wirrungen der letzten Tage muss man konstatieren, dass es beim VfB um Respekt allgemein nicht gut bestellt ist. Das betrifft vor allem auch jene, die die Kampagne aus dem Hintergrund steuern. Dass Thomas Hitzlsperger aus eigenem Antrieb das Amt des Präsidenten anstrebt, halte nicht nur ich für unwahrscheinlich. Er ist mit seinen beiden derzeitigen Ämtern bereits so ausgelastet, dass er den Sport de facto in Mislintats Hände gegeben hat.

Repräsentative Tätigkeiten, die Führung der Abteilungen des Breitensports, die Vertretung der Mitgliederinteressen, die Pflege der Kommunikation mit Fans und Partnern, all diese Aufgaben sind für den Verein so wichtig, dass sie nicht mal eben ein hochgejazzter Multifunktionär nebenbei erledigen kann. Dies zu erkennen und bei der Auswahl der Kandidaten für die Präsidentschaftswahl entsprechend zu gewichten, obliegt nun dem Vereinsbeirat. Vielleicht erleichtert Hitzlsperger dem Gremium ja auch die Entscheidung und zieht selbst zurück. Zum Wohle des VfB.

Und das Topspiel der Woche? Der VfB sei chancenlos gewesen, sagen Leute, die DAZN gebucht haben. Das heißt, nicht so ganz, denn wenn Waldemar Anton seine Chance kurz vor Schluss verwertet hätte, würde Julian Nagelsmann jetzt ein Unentschieden beweinen. Schade eigentlich.

VfB – RB Leipzig 0:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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