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Alles auf eine Karte

Bei Vertragsverhandlungen im Profifußball geht es oft um unvorstellbar hohe Summen, um Prämien, Handgelder und versteckte Klauseln – und nicht zuletzt um das eigene Ego. Der Kontrakt zwischen Pellegrino Matarazzo und der VfB Stuttgart AG ist da ein kleiner Fisch. Bis Sommer 2021 hat der weithin unbekannte Nachwuchstrainer zu Jahresbeginn unterschrieben. Der direkte Wiederaufstieg war und ist das klar formulierte Saisonziel, jedoch in den letzten Spielen präsentierte sich die Mannschaft alles andere als bundesligareif. Umso überraschender, dass der Club den Vertrag zu diesem Zeitpunkt um ein weiteres Jahr verlängert.

Sprunghafte Kontinuität

„Das Ziel aufzusteigen ist größer als der Wunsch nach Kontinuität. (…) Kontinuität darf kein Selbstzweck sein.“

(Thomas Hitzlsperger im Januar nach der Entlassung von Tim Walter nach nur 6 Monaten Amtszeit)

Mit diesem Sinneswandel hätte man bei Hitz nicht gerechnet. Rein sportlich war nämlich durchaus noch die Chance vorhanden, den Aufstieg mit Trainer Walter in der Rückrunde zu schaffen. In einem Interview gab der Vorstandsvorsitzende später zu, dass ihm diese Entscheidung sehr schwer gefallen sei, weil sie seiner grundsätzlichen Überzeugung widerspreche, dass Kontinuität eine notwendige Voraussetzung für den langfristigen Erfolg ist.

Nur fünf Monate später lässt Sportdirektor Mislintat wissen, die Zusammenarbeit mit Trainer Matarazzo solle auch dann fortgesetzt werden, wenn dieser mit der Mannschaft den so wichtigen Aufstieg verpasst. Untermauert wird der Treueschwur mit der Vertragsverlängerung des Trainer-Neulings um ein weiteres Jahr. Ist Kontinuität jetzt doch wieder wichtiger als die Rückkehr in die Bundesliga? Oder gibt es andere Gründe für diesen Schachzug?

In jedem Fall leidet die Glaubwürdigkeit des unerfahrenen Führungsduos unter dem Zick-Zack-Kurs. Denn es fällt schwer zu glauben, dass den jeweiligen Entscheidungen durchdachte Strategien zugrunde lagen. Im Falle der Walter-Entlassung war wohl das Vertrauensverhältnis mit dem Sportdirektor nicht mehr zu kitten; Matarazzos Vertragsverlängerung dürfen wir wahrscheinlich als Signal an Medien und Mannschaft interpretieren. Das Phrasenhafte, mit dem die jüngste Entscheidung kommuniziert wurde, schürt zusätzlich Misstrauen. Ein tausendprozentiges Versprechen ist eben weniger wert als ein ehrliches. Und das Blatt Papier, das angeblich nicht zwischen die Verantwortlichen passe, verorten wir eher im Wortschatz des grandios gescheiterten Vorgängers.    

Ein Zeichen an die Mannschaft?

Matarazzos vorzeitige Vertragsverlängerung soll den verwöhnten Spielern das letzte Alibi nehmen, lautet eine gängige Interpretation. Kann das funktionieren?

Zunächst ist nur zu gut verständlich, dass der Sportdirektor eine Trainerdiskussion im Keim ersticken will. Nach nur elf Spielen und in der Ausnahmesituation der Pandemie ist es viel zu früh, über die Arbeit des Trainers zu urteilen.

Ob sich die Mannschaft in dem Wissen, dass sie auch nächste Saison unter dem gleichen Trainer spielen wird, mehr ins Zeug legt, muss sich noch zeigen. Die erste Halbzeit gegen Hamburg und auch der wenig inspirierte Auftritt in Dresden sprechen zunächst einmal nicht dafür. Dass kaum ein Spieler in dieser Saison an seine Leistungsgrenze kommt, hat verschiedene andere Gründe, von denen Herr Mislintat mit der Kaderzusammenstellung einen wichtigen selbst verantwortet. Vielleicht kommt es dem Sportdirektor ja nicht ganz ungelegen, einen formbaren Trainer zu beschäftigen, der ihm selbst mehr Entscheidungsfreiheit und öffentliche Aufmerksamkeit beschert.

Falls die sportliche Führung mit der Vertragsverlängerung in erster Linie öffentliche Personaldiskussionen vermeiden will, hätte es ganz bestimmt souveränere Vorgehensweisen gegeben, mit denen sie sich mehr Handlungsspielräume für die Zukunft offen hält. In einem mittelständischen Unternehmen mit dreistelligem Millionenumsatz sollte genau überlegt sein, ob man einer wichtigen Führungskraft ohne akute Veranlassung den Vertrag verlängert. Auch das gehört zur Professionalisierung, die der VfB seit langem anstrebt – und zu selten umsetzt.   

Neue Seilschaften

Claus Vogt ist ein sympathischer Typ und gibt dem VfB ein Gesicht, das wir in den vergangenen Jahren sehr vermisst haben. Aber dürfen wir auch auf ihn hoffen, wenn es darum geht, den Vorstand der VfB AG bei kritischen Entscheidungen einzubremsen?

Die Zeiten, in denen der Präsident noch höchstpersönlich Trainerkandidaten kontaktierte und im Doppelpass mit den Menschenrechtsaktivisten von der Säbener Straße Transfers einfädelte, sind zum Glück vorbei. Gleichzeitig wird immer deutlicher, in welchem Maße die Ausgliederung den Verein, dessen Präsidenten und seine Mitglieder entmachtet hat.

Natürlich könnte der Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Vogt formal Entscheidungen des Vorstands blockieren. Aber ohne ausreichende Expertise legt man dem Aushängeschild des Clubs ungern Steine in den Weg. Mit Rainer Adrion hat sich der Präsident zwar vor kurzem zusätzliche Sportkompetenz ins Gremium geholt, aber der e.V. verzichtet bisher offensichtlich darauf, dem Vorstand unangenehme Fragen zu stellen. Das Vertrauen in Hitzlsperger scheint riesig zu sein. Der wiederum lässt Mislintat schalten und walten, welcher sich nun seinerseits an Matarazzo gekettet hat. Wenn einer aus dieser Seilschaft abstürzt, wird er die anderen mitreißen. Personelle Kontinuität ist wichtig und richtig, eine gewisse gesunde Distanz zwischen den Führungskräften kann aber nicht schaden, um den klaren, analytischen Blick zu behalten.

Ist der VfB lernfähig?

Als der VfB unter Tayfun Korkut mit einfachem Fußball und viel Spielglück den internationalen Wettbewerb nur knapp verpasste, belohnte ihn die damalige Führung mit einer vorzeitigen Vertragsverlängerung. Seitdem war der Zauber verflogen – und der Trainer bald hinterher. Selbst Wolfgang Dietrich verteidigte diese Entscheidung später kaum, was bei einem Alleinherrscher seiner Couleur dem Eingeständnis eines Fehlers gleichkommt. „Hinterher ist man immer schlauer“, kommentierte er lapidar.

Immer? Es sei denn, man arbeitet beim VfB und wiederholt Fehler gerne drei oder vier Mal. Pellegrino Matarazzo ist ein freundlicher, bedachter Mann, dem man grundsätzlich schon zutrauen mag, eine Mannschaft zu formen. Aber er hat bisher noch nichts erreicht. Im Sommer – oder auch gerne erst nach dem gewöhnlich stürmischen VfB-Herbst – hätte man die Zusammenarbeit in Ruhe bewerten und eine fundierte Entscheidung treffen können. Selten hat es jemandem geschadet, wenn er Schritt für Schritt aufgebaut wurde.

Neben der Lernresistenz begleitet den VfB seit Jahren auch der Kampf gegen die Selbstzufriedenheit. Auf die Meisterschaft folgte Mittelmaß, auf große Siege oft Durchhänger, und sobald ein Spieler mit einem großen Club in einem Atemzug genannt wird, schwebt er in anderen Sphären. Hitzlsperger hat das Problem erkannt und will den Leistungsgedanken wieder in den Vordergrund stellen.

Was für die Spieler gilt, täte allerdings auch dem Trainerteam und der sportlichen Führung gut. Ihnen sollte gleichermaßen signalisiert werden: Ruht euch nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus. Mag sein, dass Mislintat in Dortmund als Diamantenauge gefeiert wurde, dass Hitzlsperger das Potenzial besitzt, einen Kulturwandel beim VfB zu vollziehen. Aber auch sie unterliegen dem Leistungsprinzip. Die Ergebnisse ihrer Arbeit zu bewerten ist Aufgabe des Aufsichtsrats, der möglichst schnell in den Arbeitsmodus finden und seiner Aufsichtsfunktion wirklich nachkommen sollte. Von unserem netten Präsidenten erwarte ich dann mehr als emotionale Fotos als Edelfan.

VfB – Hamburger SV 3:2

SG Dynamo Dresden – VfB 0:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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