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War richtig so

09. März 2019, ca. 17:30 Uhr: Bevor ich den Gästeblock des Signal-Iduna-Parks verlasse, drehe ich mich noch einmal kurz um, blicke in das sich langsam leerende Stadion und in das Gesicht eines Jungen, vermutlich kaum älter als 12 Jahre. Er fällt deshalb auf, weil er zusammen mit einem älteren Herrn, warscheinlich seinem Vater, Grimassen in Richtung Gästeblock schneidet. Einige Minuten zuvor hatte ich noch sehr emotional mit einem Dortmund-Fan, der über dem Gästeblock saß, Freundlichkeiten ausgetauscht. Jetzt entlockt mir der Junge nicht mehr, als ein Schmunzeln. Es ist ein seltsames Gefühl, das mich begleitet als ich die Treppen hinabsteige – eine erwartete Niederlage, die allerdings wesentlich weniger deutlich ausfiel, als gedacht. Der VfB hielt gut dagegen und überzeugte lange durch bedingungslosen Kampf und unbedingten Einsatzwillen – doch die Spieler waren dem Dauerdruck der Dortmunder Offensive am Ende nicht mehr gewachsen, die so als verdienter Sieger vom Feld zogen.

Zwei Wochen vorher, in der Nacht vom 23. auf den 24. Februar 2019 – der VfB hatte einen Tag zuvor einen Punkt in Bremen geholt – wurde mir von einem Freund eine Stehplatzkarte für das Spiel in Dortmund angeboten. Nachdem ich mit Dani einen Mitstreiter gefunden hatte, war klar: Theeeeeeeoooooo, wir fahr’n nach Dortmund (wobei uns die Metrik einen Scheiß interessierte). Los gings dann am Freitag. Der Plan war, die Nacht vor dem Spiel in Dortmund zu übernachten und nach dem Spiel dann direkt die Heimreise anzutreten. Gesagt, getan. Was folgt, ist ein Reisebericht – und Gründe dafür, warum eigentlich schon vor dem Spiel klar war, dass das nicht gut gehen konnte.
Die Fahrt nach Dortmund war geprägt von viel stockendem Verkehr, guter Musik und ganz viel Spaß. Dafür sorgte unter anderem die 11Freunde-Lesereise – war richtig so! In Dortmund angekommen, fiel uns auf: Geil, vom Hotel sieht man direkt aufs Stadion (von unserem Zimmer allerdings nur auf ein Fitnessstudio, ein Stuttgarter Autohaus und auf einen nur an Spieltagen geöffneten Bratwurststand). Im sicheren Gefühl, die diversen anderen Autos auf dem Hotelparkplatz mit württembergischen Kennzeichen gehören zu VfB-Fans, betraten wir selbstbewusst das Hotel, um einzuchecken. Die freundliche Dame am Empfang fragte direkt, ob wir fürs Spiel da seien und wünschte uns drei Punkte – „oder seid ihr Stuttgarter?“ Denn die meisten Autos gehörten – wie sich schnell herausstellte – zu BVB-Anhängern (an dieser Stelle sei gesagt: es gibt übrigens deutlich zu viele schwarz-gelbe Schwaben!).
Als zwei davon in tiefstem schwäbischen Dialekt über ihre jeweiligen Arbeitgeber lästerten, entschlossen wir uns, unser „gemütliches Bier aus dem hoteleigenen Getränkeautomaten“ deutlich weniger gemütlich einzunehmen und das erste Ziel des Abends anzusteuern – Mit Schmackes. Dies ist keinesfalls eine umgangssprachliche Umschreibung für die Art und Weise, wie wir dorthin gelangten, sondern der Name des Großkreutz-Lokals. Wir hatten Glück, denn sie hatten noch einen Tisch für uns frei – und das Schalke-Spiel wurde gezeigt. Stellenweise war es im Restaurant vielleicht sogar lauter, als einen Tag später auf der Südtribüne – zum Beispiel dann, als Martin Harnik das 4:2 für Bremen erzielte. Das „Mit Schmackes“ kann ich uneingeschränkt empfehlen – die Portionen sind groß, es schmeckt und die Preise sind fair. Außerdem hängt im Eingangsbereich der Kneipe jene Jacke, die Kevin Großkreutz beim legendären Dönerwurf getragen haben soll.
Als der Herr am Tisch neben uns, der nicht mehr wirklich Herr seiner Sinne war, seine Hand immer weiter in Richtung der Brüste seiner weiblichen Begleitung führte, was sie offenbar irritierte, entschlossen wir uns dann, zu gehen. Schließlich wollten wir auch noch ans Stadion, wo wir gegen 23:30 Uhr antrafen. Zitat: „Ziemlich viel grau und Beton.“ Von außen wirkt der Signal-Iduna-Park tatsächlich sehr trist. Wir machten ein paar Bilder aber traten relativ bald den Rückweg zum Hotel an (habe ich erwähnt, dass die Fernseher auf den Zimmern Sky empfangen?).

Wenn man in einem Hotel in direkter Stadionnähe nächtigt, kann man ziemlich spannende Dinge beobachten, zum Beispiel wie sich diverse Pfandflaschenjäger akribisch vorbereiten und ihre Einkaufswagen und Körbe verteilen. Oder die Vorbereitung eines Schal-Verkäufers. Oder das erste verkaufte Bier der Bratwurstbude, die, wie sich herausstellte, keinen Lieferdienst ins Hotelzimmer anbietet. Inwiefern der Feuerwehreinsatz im naheliegenden Fitnesscenter, der sowohl Freitagabend als auch Samstagmorgen für Verwunderung und viel blaue Beleuchtung rund ums Hotel sorgte, am Wochenende zur Routine gehört, konnte ich nicht herausfinden. Die Nacht war jedenfalls entgegen ersten Befürchtungen ruhig. Gar nicht ruhig war dagegen der Dortmund-Fan zwei Zimmer weiter, der die Polizisten und Feuerwehrmänner am Samstagmorgen laut und deutlich wissen ließ, dass ihm die Sirenen schlichtweg zu laut sind („Isch jetzt mal a Ruh dahanna?“).
Beim Frühstück trifft man dann auf Fans von Celtic Glasgow – gibt es eigentlich irgendeinen Ort, wo man keine Celtic-Anhänger findet? Aufgefallen ist aber vor allem ein männlicher VfB-Fan mit hellblau gefärbten Haaren (ich hoffe, es liegt nur an einer verlorenen Wette oder es ist noch ein Überbleibsel der Fasnacht) und eine kleine Gruppe Dortmund-Fans, die am Abend vorher so tief ins Glas geschaut und offensichtlich so entschlossen gebechert hatte, dass sie beim Durchqueren der Glastüre jedes Mal auf Nummer sicher gegangen sind, nicht gegen die Glaswand daneben zu laufen, indem sie ihren Arm weit von sich streckten. Hat aber funktioniert. Ob sie viel vom Spiel mitbekommen haben, ist nicht bekannt, darf aber bezweifelt werden, da der Getränkeautomat im Hotel noch nicht vollständig geleert wurde. Das Frühstücksbuffet war nichts Besonderes, aber völlig ausreichend. So ausreichend, dass Dani sogar auf die abstruse Idee kam, das erste Mal in seinem Leben Erdnussbutter zu probieren. Ich mache es kurz: Sie überzeugte ihn nicht. Als er dann beim Kaffee holen auch auf den falschen Knopf drückte, war eigentlich klar: Das kann heute nur gut gehen (oder eben nicht. Frechheit. Nein, Unverschämtheit.). Spätestens als Dani den Zweikampf gegen ein fallendes Milchglas verlor, wussten wir: Heute ist ein besonderer Tag. Dieses Gefühl wurde bestärkt, als wir kurz später nicht mehr in unser Zimmer kamen – der Zimmercode wurde offensichtlich nicht mehr angenommen. Bei der Rezeption half uns der nette Herr im Dortmund-Trikot und sorgte dafür, dass sich die Türe wieder öffnete. Man hatte uns vermutlich bereits ausgecheckt, obwohl wir noch anwesend waren.

Es war ein kalter Samstagmittag und wir waren natürlich viel zu früh am Stadion. Am Einlass beobachtete ich zwei Frauen im VfB-Trikot, die sich direkt mit einem Dortmund-Fan anlegten (die Wortwahl der Frauen ist nicht zitierfähig; die Antwort des Dortmunders dagegen schon: „Küsschen“). Irgendwann entschieden wir uns, vermutlich aufgrund der Mischung von Kälte, Langeweile, Vorfreude und stärker werdenden Harndrangs, ins Stadion zu gehen (natürlich immer noch viel zu früh). Die Einlasskontrollen waren erwartet streng: „Jacke auf. Bitte alles aus allen Taschen raus. So, dass ich es sehen kann. Ist jetzt noch irgendwas in irgendeiner Tasche? […] Zwei Feuerzeuge sind nicht erlaubt, ich muss dir eins abnehmen. Beine auseinander. Alles klar, viel Spaß.“ Drinnen war es deutlich angenehmer: Man bekam Erdnüsse von Ültje geschenkt – so viel man wollte und solange der Vorrat reicht. Das Wetter wurde allerdings nicht angenehmer. Das bekamen während dem Spiel aber vor allem die Fans auf der Haupttribüne (Grüße gehen raus an den grimassen-schneidenden Jungen und seinen Vater) zu spüren. Aber auch einige VfB-Fans hatten unter der fragwürdigen Dachkonstruktion zu leiden und wurden klatschnass. Die Stimmung im Gästeblock litt darunter allerdings kein bisschen. Und: das Gros der Fans blieb überraschenderweise trocken.
Das Spiel ist im Prinzip schnell erzählt. Dortmund hatte den Ball, der VfB stand tief und versuchte, hin und wieder zu kontern. Dies gelang insbesondere einmal gut, als Gonzalez eine gute Möglichkeit zum 0:1 vergab. Mit 0:0 ging es in die Kabine – und wir waren uns alle einig: Damit wären wir am Ende sehr zufrieden, aber besonders optimistisch waren wir nicht. Dafür war die Dortmunder Überlegenheit zu hoch. Und vielleicht wäre das Spiel ja anders verlaufen, wenn da nicht der Videobeweis gewesen wäre. Jener Videobeweis übrigens, der transparent gemacht werden soll. Von Transparenz war in der 60. Minute allerdings nichts zu spüren. Dortmund bereitete sich auf die Ausführung des Freistoßes vor, Stuttgart ordnete gerade noch die Mauer. Im Block diskutierten wir darüber, ob das wirklich ein Foul von Castro war. Ich selbst war überrascht von dem Pfiff, war aber der Meinung, dass es wenn dann im Strafraum gewesen war. Mitten in meine Überlegungen und Gedanken kommt ein Pfiff und das Signal: Elfmeter. Erst danach erscheint auf den Anzeigetafeln im Stadion, dass eine Situation überprüft wird. Zu diesem Zeitpunkt wurde allerdings nichts mehr geprüft, die Entscheidung stand – und Reus verwandelte. Über dem Gästeblock jubelten Dortmund-Anhänger und empfanden es als eine wahre Freude, volle Bierbecher nach unten zu schleudern.
Wenig später ließ Paco Alcacer die Chance auf das 2:0 liegen – und das rächte sich. Esswein setzte sich auf links gegen drei Gegenspieler durch und wurde gefoult. Den anschließenden Freistoß (Danke Altintop!) brachte Castro in den Strafraum, wo sich Kempf durchsetzte und zum 1:1 traf. Das Stadion stand Kopf und der halbe Gästeblock drehte sich nach oben um – doch dieses Mal flog kein Bier (an dieser Stelle hoffe ich übrigens, dass es dem stark alkoholisierten und etwas orientierungslosen VfB-Fan gelang, seine Freunde mithilfe des WhatsApp-Videoanrufs (im Stadion gibt’s WLAN!) wiederzufinden).
Freudentaumel, Hoffnung, ungläubige Gesichter. Könnte man hier tatsächlich etwas zählbares mitnehmen? Es sah lange danach aus, doch dann kassierte der VfB ein für ihn typisches Gegentor. Mehrmals hat man die Möglichkeit, zu klären, was misslingt und irgendwann fällt der Ball genau vor die Füße von einem Dortmunder Stürmer, der das Ding natürlich in den Winkel haut. Das 3:1 war dann sowieso egal.
Die Stimmung nach dem Spiel war nicht schlecht, man zollte der Mannschaft für diese Leistung Respekt. Es kam dann halt doch alles so, wie erwartet. Nur der Dortmund-Fan über mir, der meinte, alles und jeden beleidigen zu müssen, nervte irgendwie. Aber das gehört beim Auswärtsspiel einfach auch irgendwie dazu. Aus Wut wurde Belustigung und irgendwann Gleichgültigkeit.

Ich könnte noch viel mehr von den zwei Tagen schreiben: Dass der längste Stau bei der Rückfahrt nicht auf der Straße, sondern im Eingangsbereich einer bekannten Fast-Food-Kette (die ohne goldenes M) herrschte, weil wirklich jeder die Idee hatte, dort essen zu gehen (auch hier wurde übrigens deutlich, dass es zu viele Schwaben in schwarz-gelb gibt). Dass ich alte Bekannte getroffen habe und neue Bekanntschaften geschlossen habe. Dass Caro und Stefan vielleicht doch nicht Stuttgart, sondern Dortmund sind. Dass die A6 und die A45 maximal belastend sind. Und vieles mehr. Stattdessen komm ich frei nach 11Freunde mit den Worten zum Schluss, die ich als Innenverteidiger gerne dem Mittelfeldspieler zugerufen habe, der gerade über das Tor geschossen hat, und die den völlig frei stehenden Stürmer auf die Palme gebracht haben: War richtig so.

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