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VfB Löwenherz

Je näher das Saisonende rückt, desto banger geht der Blick der Anhänger zur direkten Konkurrenz aus Berlin, Augsburg und Bielefeld. Schon am Freitagabend erkämpft die Mannschaft von Ex-VfB-Trainer Weinzierl einen 1:0-Auswärtssieg in Ostwestfalen. Ein weiterer ehemaliger Stuttgarter Übungsleiter kassiert am Samstagnachmittag mit der Hertha eine krachende 1:4-Heimniederlage gegen die Eintracht. Damit sind die Vorzeichen für das Abendspiel gesetzt: Nur mit einem Dreier können die Jungs aus Cannstatt den Anschluss in der Tabelle wiederherstellen.

Wendepunkte

Der Matheunterricht ist schon einige Jährchen her, aber ich erinnere mich dunkel, dass Wendepunkte in der Kurvendiskussion Hoch- oder Tiefpunkte sein können. Ähnlich verhält es sich auch im Fußball: Erinnert ihr euch noch, als der VfB im Mai 2020 gegen den direkten Aufstiegskonkurrenten aus Hamburg einen 0:2-Rückstand zum 3:2 drehte? Sieben Spieltag vor Saisonende wusste man nach den beiden ernüchternden Niederlagen in Wiesbaden und Kiel, dass eine weitere Schlappe wohl das Ende aller Aufstiegsträume bedeutet hätte.

Ähnlich düster wie damals sieht es am Samstagabend kurz nach sieben im Neckarstadion aus. Thuram hat gerade die punktgenaue Vorarbeit seines Landsmanns Plea zum 2:0 genutzt. Der VfB macht das Spiel, die Gäste aus Gladbach die Tore. Nach den vielen Rückschlägen der vergangenen Wochen scheint jetzt alles zusammenzubrechen. Dass sich die Mannschaft aus diesem Loch herauszieht und dem Spiel noch eine Wende gibt, ist neben dem erwähnten Sieg gegen den HSV eine der größten Leistungen der vergangenen Jahre.

Start rolling

Pellegrino Matarazzo hat in den letzten Wochen immer wieder betont, dass er nach wie vor an die Mannschaft glaube. Sie brauche nur ein Erfolgserlebnis, um richtig ins Rollen zu kommen. Gegen Gladbach treten seine Schützlinge konzentriert auf und spielen zielstrebig nach vorne.

In allen relevanten Kategorien weist die Statistik einen Vorteil für Weiß-Rot auf, nur nach Toren dauert es 51 Minuten, bis der VfB ausgleichen kann: Über den bärenstarken Endo und den agilen Tomás kommt der Ball im Strafraum zu Kalajdzic, der sofort abzieht. Bensebaini fälscht die Kugel ab und bringt Führich wenige Meter vor dem Gladbacher Tor in Abschlussposition. War da nicht was? Doch diesmal macht der 24-jährige Neuzugang alles richtig und bugsiert den Ball per Flugkopfball über die Linie.

Sieben Minuten vor Spielende beweist dann Sasa Kalajdzic, dass die Verwertung von Torchancen in erster Linie mit Können zu tun hat. Die maßgenaue Sosa-Ablage nimmt der schlaksige Österreicher in aller Seelenruhe an und platziert den Ball ins rechte Toreck. Das Hofbräu spritzt und die Cannstatter Kurve erinnert sich, wie süß Siege schmecken.

Pure Erleichterung nach dem Siegtreffer durch Kalajdzic. (Foto: kicker.de)

Heart over mind

Zum ersten Mal in dieser Saison lässt Matarazzo mit Kalajdzic, Marmoush, Tomás und Führich gleich vier Offensivspieler starten. Letzterer soll auf der linken Halbposition den angeschlagenen Mangala ersetzen. Das Zentrum verliert dadurch zwar merklich an Stabilität, strahlt aber mehr Dynamik und Torgefahr aus. Der Trainer beweist, dass er in der entscheidenden Saisonphase bereit ist, mutige Entscheidungen zu treffen.

Gleichzeitig wird deutlich, dass der Kreis der Spieler, denen er zutraut, die Wende im Abstiegskampf herbeizuführen, immer kleiner wird. Chris Führich gehört zu Recht dazu, genauso wie Borna Sosa. Vor zwei Wochen hat der kroatische Nationalspieler schon den Bochumer Rechtsaußen Christopher Antwi-Adjei mit kompromissloser Defensivarbeit fast zur Verzweiflung gebracht, am Samstagabend legt er sein Meisterstück ab. Der Gladbacher Rechtsverteidiger Joe Scally wird sich noch eine ganze Weile an seinen Gegenspieler erinnern.  

Etwas überraschend hat sich auch der 19-jährige Tiago Tomás innerhalb kürzester Zeit das Vertrauen des Trainers verdient. Mit seinen Dribblings und Tempowechseln sorgt er immer wieder für Gefahr im und um den gegnerischen Strafraum. Der einzige Makel: Auch er scheint mit dem Fluch der hundertprozentigen Torchance belegt zu sein. In der 66. Minute scheitert er aus sieben Metern völlig freistehend an Yann Sommer.   

Orakel Pellegrino

In der Pressekonferenz vor dem Hoffenheim-Spiel ließ Matarazzo mit folgender Aussage aufhorchen: „Sasa weiß, dass er unser Stürmer ist, der uns zum Klassenerhalt schießen wird“. Nach langer Verletzungspause hatte der Österreichische Nationalspieler zu diesem Zeitpunkt gerade einmal fünf Saisonspiele bestritten und ein Tor erzielt.

Nach dem Sieg gegen Gladbach lesen sich die Ankündigungen des Trainers schon ein bisschen anders. Wird der VfB jetzt ins Rollen kommen und Sasa die entscheidenden Tore machen? Wird Rino am Ende Recht behalten?

Bei aller Freude über den erlösenden Dreier dürfen wir nicht vergessen, dass die Leistungskurve auch nach einem Wendepunkt schwanken kann. Im Endspurt der Zweitligasaison 2019/20 quälte sich die Mannschaft nach dem fulminanten 3:2-Sieg gegen den HSV im folgenden Heimspiel zu einem 0:0 gegen Osnabrück und verlor anschließend das Derby in Karlsruhe.

Die Mannschaft muss also ihr Löwenherz in die Hand nehmen, um weitere Siege zu erringen. Dass sie dazu in der Lage sind, haben Kapitän Endo, Hoffnungsträger Kalajdzic und Co am Samstagabend eindrucksvoll bewiesen.  

VfB – Borussia Mönchengladbach 3:2

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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