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Sinsheim oder Sandhausen?

Mit jedem Bundesligastandort verbindet man als Fan ja so seine ganz eigenen Erfahrungen und Geschichten. Mir ist zum Beispiel ein Tag im Herbst 2018 in Erinnerung geblieben. Markus Weinzierl war damals ziemlich frisch im Amt und „Pocho“ Insua schon nach acht Minuten mit glatt Rot unter der Dusche. Nach der Pause schenkten uns die SAPler innerhalb von zwölf Minuten vier Mal ein. Die Heimfahrt war verregnet und trist.    

Mit Leidenschaft

Dreieinhalb Jahre später schmunzeln wir über Weinzierl und freuen uns alleine darüber, dass man wieder in ein Fußballstadion gehen und Fangesänge anstimmen darf. Wenn dies gemeinsam mit gut 5000 Gleichgesinnten bei einem Auswärtsspiel passiert, macht es natürlich noch mehr Spaß.  

Doch wir sind an diesem Freitagabend natürlich nicht allein der Folklore wegen nach Sinsheim gekommen. Will der VfB den Klassenerhalt schaffen, sollten nämlich von den 33 noch zu vergebenden Punkten 15 bis 20 nach Cannstatt gehen.

Unsere Hoffnung: Seit dem Spiel in Leverkusen scheinen Mannschaft und Trainerteam verstanden zu haben, worauf es im Abstiegskampf ankommt. Das Ziel, junge Spieler zu entwickeln, ist vorübergehend zurückgestellt, auf dem Aufstellungsbogen erscheinen zwar limitierte, aber zuverlässige Kräfte wie Stenzel, Karazor und Thommy. „Man braucht keine breite Brust, um leidenschaftlich zu verteidigen“, lautet die Botschaft von Pellegrino Matarazzo an seine Spieler.    

Ist das noch Pech?

In der ersten halben Stunde setzen seine Schützlinge die Vorgaben um. Das gefürchtete Hoffenheimer Offensivspiel kommt kaum zur Entfaltung. Nach Ballgewinn schafft es der VfB immer wieder, schnell umzuschalten und Gegenangriffe auf das Tor von Oliver Baumann zu fahren. So auch in der 19. Minute: Neuzugang Tiago Tomás wird über den rechten Flügel auf die Reise geschickt, spielt einen perfekten Querpass an den zweiten Pfosten, wo Chris Führich den Ball aus kurzer Distanz eigentlich nur noch einschieben muss. Ist das noch Pech?  

Chris Führich scheitert aus drei Metern am Pfosten. (Foto: kicker.de)

In der 58. Minute erlöst dann Kapitän Endo nach schöner Kopfballverlängerung des eingewechselten Kalajdzic die mitgereisten Fans. Zu diesem Zeitpunkt macht die ganz in Blau gekleidete Heimmannschaft nicht den Eindruck, als könne sie genügend Druck aufbauen, um dem Spiel noch eine Wendung zu geben.

Doch auf einmal ist die Nervosität bei den Weiß-Roten mit den Händen zu greifen. Es gibt kaum Entlastung oder längere Ballstaffetten. Das Traumtor (85.) und den Siegtreffer (90.) des Österreichischen Nationalspielers Christoph Baumgartner würde ich daher nicht in die Kategorie „unglücklich“ einordnen, sondern eher von einem verschenkten Sieg sprechen. Warum besetzt Tomás (!) beim Ausgleich die Position des Linksverteidigers? Warum kann die Innenverteidigung in der Schlussminute eine eigentlich ungefährliche Flanke in den Strafraum nicht klären?

Klarheit in der Analyse

Einer von Sven Mislintats Lieblingssätzen heißt: „Wir bleiben klar in der Analyse.“ Nach dem Aussetzer in der Nachspielzeit gegen Bochum verspielt die Mannschaft auch in Sinsheim in der Schlussphase wichtige Punkte. Wieder einmal hat der VfB in der letzten halben Stunde nichts mehr entgegenzusetzen. Einige Leistungsträger sind in der entscheidenden Saisonphase weit von ihrer Bestform entfernt.

Ich erwarte nicht, dass diese Kritikpunkte in aller Öffentlichkeit breitgetreten werden, aber intern sollte man schonungslos analysieren. Über die ganze Saison gesehen präsentiert sich der VfB nicht erstligareif. In der Rückrunde hat es bisher nur zu zwei Unentscheiden gegen die Aufsteiger aus Fürth und Bochum gereicht.

Die nächsten Gegner heißen Gladbach und Union Berlin. Beim besten Willen fallen mir wenige Argumente ein, warum da die Trendwende gelingen soll. Ein bisschen Glück und etwas mehr Konzentration in den entscheidenden Phasen des Spiels könnten aber sicher nicht schaden.

Wo geht´s denn hier zur Autobahn?

Auf der Heimfahrt herrscht Ratlosigkeit. Alle Autobahnauffahrten sind von Verkehrspolizisten gesperrt. Ist das die Strafe des Provinzklubs für die angereisten Auswärtsfans? Wir fahren auf einer kurvigen Landstraße Richtung Eppingen. Eigentlich ist das nicht unsere Richtung, aber wir wollen schnell Kilometer zwischen uns und die hässlichste Schüssel des Bundesligazirkus bringen. Mir kommt wieder Markus Weinzierl in den Sinn: „Ihr wollt doch nächste Saison auch nicht nach Sandhausen fahren“. Stimmt, aber von Sinsheim haben wir erstmal auch die Nase voll.

TSG Hoffenheim – VfB 2:1

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Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Ein Kommentar

  • Vfb forever

    Treffend und wortgewandt auf den Punkt
    Dankeschön

    Mein Verständnis fuer Herrn Mislintat ist bei null angekommen. Die Kaderzusammenstellung erlebe ich als einzigartiges Eigentor. Mislintat erscheint mir völlig ueberschaetzt und komplett gescheitert. Nein, ich moechte keine weiteren Bundesliga untauglichen französischen oder japanischen Nachwuchsspieler. Der aktuelle Punktestand spiegelt nicht nur das Leistungsniveau der Mannschaft, sondern auch vieler anderer „Verantwortlicher“

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