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Olé-Olé-Ola Källenius

Kaum ist der Zetsche-Nachfolger im Amt, legt er aus der Vorstandsetage des Ankerinvestors ein Bekenntnis zur VfB Stuttgart AG ab: „Wir haben vollstes Vertrauen in den Verein, den Präsidenten und den gesamten Vorstand.“ Man könnte sich jetzt geehrt fühlen, dass der neue Vorstandsvorsitzende des renommierten Automobilkonzerns dem kriselnden Fußballclub aus Cannstatt so hohe Priorität einräumt. Man könnte aber auch behaupten: Zwei Jahre nach der Ausgliederung sind die schlimmsten Befürchtungen ihrer Gegner wahr geworden.

Wir erinnern uns gut an die Kampagne vor der Abstimmung, als Bedenken zerstreut wurden, dass der eingetragene Verein und seine Mitglieder in der AG an Einfluss verlieren würden. Man verfüge im Aufsichtsrat immer noch über eine Mehrheit, lediglich ein Sitz gehe an den Ankerinvestor, ein weiterer an den Hauptsponsor, die Mercedes-Benz-Bank.

Heute stellt sich die Lage allerdings anders dar. Bezeichnenderweise wurde die oben zitierte Pressemitteilung der Daimler AG schon einen Tag vor (!) der Aufsichtsratssitzung herausgegeben, in der eine erste Aufarbeitung der Horrorsaison stattfinden sollte. Haben gut 84 Prozent der Mitglieder letzten Endes dafür gestimmt, dass der Investor den Aufsichtsrat de facto dominiert und massiv Einfluss auf den eV nimmt? Der stellvertretende Vorsitzende Wilfried Porth ließ neulich in einem Interview wissen, dass Dietrich der Präsident sei, den man sich gewünscht habe. Spätestens da müssten bei uns alle Alarmglocken schrillen. Was unterscheidet den VfB eigentlich noch von Konstrukten wie in Leipzig, Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg? Der Erfolg, mögen da böse Zungen entgegnen, denn die bei den Fans verhassten Konkurrenten spielen sportlich in Sphären, von denen Herr Dietrich weiterhin nur träumen kann.

Auch von den zuvor proklamierten regionalen Partnern spricht bei der Investorensuche inzwischen niemand mehr, und selbst Dietrich muss einräumen, dass sich Anteile eines Zweitligisten nicht gerade wie warme Brezeln verkaufen lassen. Der Slogan „Ja zum Erfolg“ ist spätestens nach dem erneuten Abstieg zum Bumerang geworden. Lediglich „eine sportliche Delle“ machen die VfB-Verantwortlichen dagegen aus und werden nicht müde, die hervorragenden Rahmenbedingungen hervorzuheben. Aber was meinen sie damit genau?

In erster Linie geht es wohl um die finanzielle Situation des in vergangenen Zeiten notorisch klammen Traditionsvereins aus Cannstatt. Es ist nicht allzu lange her, dass man sich im Stuttgarter Umfeld fragte, warum wir in der Nachbarschaft des großen Daimler nicht von dessen Geschäftserfolgen profitieren können. Nachdem der Konzern nun als Anteilseigner und Hauptsponsor gewonnen wurde, hat sich der Handlungsspielraum zumindest kurzfristig durchaus erhöht. Mit der Modernisierung der Trainingsanlagen und dem Bau des Nachwuchsleistungszentrums wurden sinnvolle und notwendige Investitionen getätigt, um die Wettbewerbsfähigkeit der Nachwuchsabteilung zu sichern. Der überwiegende Teil der Erlöse aus den Anteilsverkäufen floss allerdings in Transfers, Gehälter und Beraterhonorare und katapultierte den Club damit hinsichtlich der Ausgaben wieder unter die Top 6 der Bundesliga. Dass in der jüngeren Vergangenheit finanziell nachhaltig gewirtschaftet wurde, bezweifelt sogar der zuständige Finanzvorstand, der öffentlich ein „Mittelverwendungsproblem“ beklagt. Ein Teil der jüngsten Investitionen dürfte allein deswegen nicht zurückfließen, weil sich einige Jungprofis am Neckar nicht etwa weiter-, sondern zurückentwickeln. Auch der operative Verlust von knapp 12 Mio. Euro im Geschäftsjahr 2018 zeigt, dass der VfB dabei ist, die Ausgliederungsmillionen zu verbrennen, ohne sportlich wieder auf die Beine zu kommen. Cem Özdemir stellt also in einem Interview in der Stuttgarter Zeitung völlig zurecht fest, dass „die Versprechen, die mit der Ausgliederung einhergingen, bislang nicht gehalten wurden.“ Den Mitgliedern wird stattdessen der letzte Strohhalm mit großem Tamtam verkauft: Der VfB hat die Lizenz für die 2. Liga ohne Auflagen erhalten.

Die Krise des VfB Stuttgart geht folglich wesentlich tiefer, als uns die Verantwortlichen nach dem Abstieg weismachen wollen. Wo bleibt das Korrektiv zu Daimler und Dietrich in der VfB AG? Wer stellt unangenehme Fragen und denkt auch einmal quer? Ein Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender sich als Präsident des eV selbst kontrolliert, kann keine gesunde Organisationsstruktur sein. Mit der Aufarbeitung ist man demzufolge beim VfB nicht weit gekommen, auch wenn Herr Porth ankündigt: „Natürlich können wir nach einem Abstieg nicht zur Tagesordnung übergehen. Es ist klar, dass die abgelaufene Saison in den Gremien und im Dialog mit den Fans aufgearbeitet werden muss. Der ganze Verein, alle Fans und die Region müssen aber zusammenhalten, um das Projekt Wiederaufstieg anzugehen.“ Aufarbeitung? Dialog? Ein Scherz? Und schon im nächsten Satz wieder die leere Worthülse des Zusammenhalts. Offensichtlich hat dieser Mann, was auch immer ihn dazu befähigt, Entscheidungen beim VfB zu treffen, überhaupt nichts verstanden. Was weder Dietrich noch Porth jemals zugegeben werden: Durch den folgenschweren Fauxpas mit der Personalie Reschke und weitere gravierende Fehlentscheidungen trägt der Aufsichtsrat – und in besonderem Maße dessen Vorsitzender und Vereinspräsident – eine erhebliche Mitschuld am erneuten Doppelabstieg. Diese Erkenntnis muss als Fazit unter jeder Aufarbeitung stehen, die diese Bezeichnung verdient.

Das gestörte Verhältnis zwischen Führung und organisierten Fans wurde in den bisherigen Stellungnahmen noch überhaupt nicht thematisiert. Dabei ist klar, dass das Tischtuch zerschnitten und eine erfolgreiche Saison ohne die Unterstützung der Anhänger schwer vorstellbar ist. Der erste Schritt müsste hier vom VfB ausgehen, da Präsident Dietrich zweifellos zur Spaltung beigetragen hat. Stattdessen gießt er mit polemischen Aussagen über „diese Leute, die einen Prellbock brauchen“, weiter Öl ins Feuer. Bei der Mitgliederversammlung ist ein Antrag auf Einzelentlastung zu erwarten, der in seinem Falle wahrscheinlich negativ ausfallen wird. Außerdem wird es wohl einen Antrag auf Abberufung des Präsidenten geben, der Dietrichs Machtposition ankratzen wird, auch wenn er nicht durchkommt. Eine explosive Atmosphäre ist vorprogrammiert. Wenn nicht über die Mitgliederversammlung, wie könnte das Fußvolk der überheblichen Führungsetage einen Warnschuss vor den Bug setzen?

Ein Kommentar der organisierten Fanszene zu den Entwicklungen seit dem Abstieg liegt bisher nicht vor. Von fortgesetzten Protestaktionen gegen die Führung bis zu einem vollständigen Boykott sind viele Maßnahmen denkbar. Nicht zu erwarten ist hingegen, dass in der kommenden Saison aus der Cannstatter Kurve schallen wird: „Du bist unser Investor, gibst uns so viel: Olé-Olé-Ola Källenius ist da.“

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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