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Fata Morgana

Samstag, 15:30 Uhr, blankgeputzter Himmel über Bad Cannstatt. Hätte es eine bessere Gelegenheit gegeben, um dem Fußball-Imperium des Multimilliardärs Dietrich Mateschitz die erste Niederlage beizubringen und den Triumph ausgiebig in der Kurve zu feiern?

Die Realität sieht anders aus, als sich Sven Mislintat nach Spielende vor leeren Rängen den Fragen des Sky-Reporters stellt. Ob er nach dem vierten Spiel ohne eigenes Tor ein Problem in der Offensive sehe? Wie immer hat der Sportdirektor sofort die Spielstatistiken parat: 60 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, 16:7 Torschüsse, Peter Gulacsi mit 10 teilweise spektakulären Paraden der Spieler des Spiels.

Alles auf dem richtigen Weg also? Der Erklärungsansatz ist seit Wochen der gleiche: „Bei uns kommen ja noch drei, vier Spieler zurück. Die wissen auch, wo das Tor steht.“ Am Horizont flimmert die Wasseroberfläche der Oase in der sengenden Wüstensonne. Hat das Diamantenauge etwa den Spielbericht zum Pokal-Aus gegen Köln nicht gelesen?

A-Game

Die aus Stuttgarter Sicht ernüchternde Erkenntnis aus dem Leipzig-Spiel lautet: Selbst wenn alle Spieler an ihre Leistungsgrenze gehen, kann der VfB zur Zeit gegen einige Gegner aus der Bundesliga nicht gewinnen. Dabei zeigt sich die Qualität des Teams von Domenico Tedesco nicht wie erwartet in der stark besetzten Offensivreihe, sondern in einer sehr soliden Dreierkette und einem der besten Torhüter der Liga.

Péter Gulácsi rettete den Leipzig-Sieg mit teils überragenden Paraden.
Peter Gulacsi dreht Mangalas Schuss um den Pfosten. (Foto: IMAGO/Michael Weber)

Es bleibt die Frage: Warum kann die Mannschaft von Pellegrino Matarazzo ihr „A-Game“ gegen den Vize-Meister der vergangenen Saison abrufen, nicht aber gegen den Zufallsaufsteiger aus Fürth? In den verbleibenden 15 Spielen der Rückrunde müssen die Akteure mit dem Brustring noch rund 20 Punkte holen, also mindestens fünf Partien gewinnen. Unmöglich ist das keinesfalls, allerdings sollte man dafür das Leistungsniveau von Samstag regelmäßig auf den Platz bringen.

Gruppe Drei

In der Pressekonferenz am Donnerstag war schon zu spüren, dass die Geduld des VfB-Trainers langsam zu Ende geht. Deutlich wie nie zuvor kritisierte er die Einstellung einiger Spieler zum Abstiegskampf. Philipp Förster und Roberto Massimo finden sich prompt auf der Bank wieder, während Tanguy Coulibaly, sein Landsmann Alexis Tibidi und Nikolas Nartey (für den angeschlagenen Sosa) in die Startelf rutschen. Marc Oliver Kempf steht noch nicht einmal im Kader.

Zwischen den Zeilen erwähnte Matarazzo vor den Pressevertretern ein weiteres Problem: „Ich spüre von den Spielern, die zuletzt nicht an Bord waren, eine andere Haltung im Training“. Will er damit sagen, dass es einige Spieler aus der zweiten Reihe vorher schleifen ließen? Die Kaderstruktur wirft zu Beginn der Rückrunde mehr Fragen auf, als man an der Mercedesstraße bisher zugeben will.

Die Lobreden und wohlwollenden B-Noten kann sich der VfB an den Hut stecken. Ein erneuter Abstieg wäre nämlich kein kleines Wellental auf dem vielversprechenden Stuttgarter Weg, sondern eine mittlere Katastrophe. Wer es nicht glauben will, der beobachte einmal die krampfhaften Bemühungen des HSV in seiner inzwischen vierten Zweitligasaison.

Zu den Schönen und Reichen

Müsst ihr bei Marbella auch unwillkürlich an Dutt, Kramny und Mallorca denken? Dabei handelt es sich weder um eine Insel noch um einen spanischen Kleinwagen, sondern um die andalusische Küstenstadt der Schönen und Reichen.

60 km westlich von Málaga an der Costa del Sol lässt es sich im Winter gut aushalten. Bei Temperaturen um 15 Grad wollen sich Matarazzo und seine Mannschaft vom 23. bis 28. Januar für den Endspurt sammeln. Neben taktischen und technischen Inhalten dürfte auch Teambuilding auf dem Programm stehen: Wie formen wir aus mehreren Grüppchen eine Einheit, die erfolgreich an einem Strang zieht?  

Kommt der Kurztrip in die Sonne Andalusiens – anders als einst Dutts Mallorca-Tour – noch rechtzeitig, um das Schiff auf den richtigen Kurs zu bringen? Während der VfB darauf wartet, endlich einmal in Bestbesetzung antreten zu können, ist die Konkurrenz teilweise schon einen Schritt weiter – und sammelt fleißig Punkte.

Mit leeren Händen

Es ist aller Ehren wert, dass sich der Sportdirektor Woche für Woche vor die Mannschaft stellt und seinen Weg bis aufs Letzte verteidigt. Er muss nur aufpassen, dass er nicht nach dem 34. Spieltag  – nur so aus Gewohnheit – drei Statistiken präsentiert, in denen der VfB haushoch überlegen war, während ihn der Interviewer verwundert anschaut: „Herr Mislintat, Ihre Mannschaft steht auf Platz 17 …“.

VfB – RB Leipzig 0:2

Zum Weiterlesen:

VertikalGIF #VfBRBL: Malaka! – Vertikalpass

Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos – Vertikalpass

Und wenn es nicht reicht? – Rund um den Brustring

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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