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Der fliegende Japaner

Versprochen oder nicht, das ist hier die Frage. Neben dem neuen Sicherheitskonzept waren die Worte des Propheten Walter in den Tagen vor dem Derby in aller Munde. Am Sonntag kurz vor Sonnenuntergang hat unser Trainer dann allen Grund, triumphierend zu lächeln. Seine Prophezeiungen haben sich in allen Punkten bewahrheitet. Drei Tore. Zu Null. Noch Fragen?

Naja, vielleicht eine: Würdet ihr gerne mit ihm tauschen? Woche für Woche gegen die Meute anlächeln, die nur auf einen Ausrutscher lauert?  Vom „Desaster im Volkspark“ geht es in der Stuttgarter Presse blitzschnell zu „Der VfB wieder in der Spur“ und eine Woche später „Die Misere beim VfB – kein Zufall mehr“. In und um Stuttgart wissen zig Hobbytrainer und Journalisten vermeintlich besser, welche Aufstellung und Taktik zu wählen sei. Dabei sehen wir – ich schließe mich ausdrücklich ein – die Akteure meist nur an Spieltagen, kennen ihre Zipperlein nicht und beschäftigen uns höchstens am Tresen mit Taktik. Heraus kommt eine manchmal aufdringliche Mischung aus Halbwissen und Emotionen. Eine Kostprobe meinerseits gefällig?

Warum hat man den japanischen Nationalspieler Wataru Endo bis zum Ende der Vorrunde in den Tiefen des Cannstatter Trainingsgeländes versteckt? Wie viele Football Classics DVDs musste sich Käptn Kempf anschauen, um den dümmsten Platzverweis seit Thomas Berthold zu fabrizieren? Und warum steht der WM-Teilnehmer Mario Gomez gut ein Jahr später so dermaßen neben seinen Schlappen, dass man ihm zu Weihnachten einen Schnupperkurs in Ballannahme und Passen schenken will?

Seine beste Szene hat der sympathische Riedlinger wie so oft in den letzten Monaten außerhalb des Platzes. Beim VfB-TV-Interview ahmt er in der Euphorie des Sieges seinen japanischen Mitspieler nach, der beim Anflug hoher Bälle in die Skispringer-Hocke geht und mit ausgebreiteten Armen signalisiert: Hab ich sicher! Wie der eher klein gewachsene Landsmann des letzten Derbyhelden Takuma Asano gegen einen halben Kopf größere Gegner ein Luftduell nach dem anderen gewinnt, ist erstaunlich und macht ihn zu dessen legitimen Nachfolger.

Nach dem Pflichtsieg im Derby – denn mehr war es bei objektiver Betrachtung nicht – darf das Team um Tim Walter neben den Punkten auch einige positive Erkenntnisse in den Endspurt vor der Winterpause mitnehmen. Zunächst wäre da der bereits erwähnte Durchbruch des fliegenden Japaners, aber auch die verbesserte Chancenverwertung und die geschlossene Mannschaftsleistung sind hervorzuheben. Statt gewagten Rochaden und stürmenden Verteidigern stehen diesmal robuste Zweikämpfe und hohe Laufbereitschaft auf der Speisekarte. Der Trainer kann also nicht nur seine Lieblinge auf die Bank setzen, sondern dem Walterball auch einen gehörigen Schuss Pragmatismus beimischen, der keinen mit der Zunge schnalzen lässt, aber in der zweiten Liga Spiele gewinnt.

Aus der Tannenbaumformation wird am Sonntag streckenweise ein 4-3-3 mit Förster und González als echte Außen. Die Mittelfeldreihe gewinnt mit Endo endlich an Statik, wobei Mangala erst in der Schlussphase die Räume findet, in denen sein außergewöhnliches Talent aufblitzen kann. Trotzdem fehlt noch einiges, um die Erwartungen an den komfortabel ausgestatteten Kader zu erfüllen. Das Potenzial eines Klement schmort wieder einmal auf der Bank und mancher Perspektivspieler droht schon von dem erst 17-jährigen Lilian Egloff überholt zu werden, der am Sonntag erstmals im Zweitligakader steht. Damit nicht genug: Beim 6:2-Auswärtssieg der VfB U21 in der Oberliga werden die von den Profis abgestellten Klimovicz und Coulibaly vom Ex-Lauterer David Tomic überstrahlt, dem gegen überforderte Freiberger ein lupenreiner Hattrick gelingt. Vor allem dem jungen Franzosen fehlen dagegen sichtlich Durchsetzungsvermögen und Bindung zum Spiel.

Das Derby wird trotz des verdienten Sieges fußballerisch kaum im Gedächtnis bleiben, auch weil der KSC einen äußerst biederen Auftritt hinlegt. Erinnern wird man sich eher an die seltsam gedämpfte Stimmung auf den Tribünen, da die Karlsruher Ultras das Spiel im Polizeikessel vor dem Stadion auf ihren Handys verfolgen müssen. Das zuvor gepriesene neue Sicherheitskonzept, bei dem sich im Vorfeld alle Parteien an einen Tisch setzen, sollte ein Fußballfest ermöglichen – und erweist sich im Nachhinein als Stimmungsbremse. Ohne die Vorfälle beim Marsch der Gästefans zum Stadion bewerten zu wollen, bleibt zumindest ein schlechter Nachgeschmack und der klare Auftrag an alle Beteiligten, die Vorkommnisse aufzuarbeiten.

Die letzte Frage bezüglich der Vorwürfe seines Trainerkollegen vor dem Spiel beantwortet Tim Walter auf der Pressekonferenz so unverblümt, wie wir es von ihm kennen. „Jeder Trainer ist gewillt, Tore zu schießen und kein Tor zu kassieren. Wenn irgendjemand etwas reininterpretiert, ist das nicht meine Sache.“ Bleiben wir also bei den harten Fakten: Wenn die Mannschaft kommende Woche in Sandhausen nicht nachlegt, hilft auch der Derbysieg nicht weiter.

VfB – Karlsruher SC 3:0

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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