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Abserviert

Torschütze Guirassy bedankt sich bei Undav für die Vorlage zum 2:0. (Foto: AFP via Getty Images)

Es hört nicht auf, dieses Gerede vom Derby. Doch egal, wie hoch der Brustring in Sinsheim gewinnt, mehr als ein Autobahnduell, Stadt gegen Provinz, Traditionsklub gegen Milliardärshobby wird das Spiel gegen Hoffenheim nie werden. Da können sich die Zuzenhausener Bad Boys Mülltüten überstülpen so viele sie wollen und Fackeln abbrennen, bis die Dorffeuerwehr ausrückt.

Das Stadion an der A81 ruft bei VfB-Fans keine allzu guten Erinnerungen hervor. Seit mehr als zehn Jahren konnte man dort nicht mehr gewinnen. Am Samstagabend soll aber alles anders werden: Die Pre-Zero-Arena ist zu zwei Drittel in Rot getaucht, der VfB im Flow der besten Saison seiner Vereinsgeschichte. Und in der Tat wird der Abend im Gedächtnis bleiben.

Dominanz und Spielfreude

Bei Anpfiff stehen insgesamt sechs deutsche Nationalspieler auf dem Platz – es könnten auch ein paar mehr sein. Das hat es bei einem Spiel Hoffenheim gegen den VfB noch nie gegeben. Die vier EM-Kandidaten mit dem Brustring wollen dann auch von der ersten Minute an zeigen, dass der Bundestrainer sie zurecht nominiert hat.

Sebastian Hoeneß stellt das bekannte 4-2-4 auf, bei dem Millot, Führich, Undav und Guirassy in vorderster Linie immer wieder die Positionen tauschen und daher schwer auszurechnen sind. Wenn eine VfB-Elf der Saison gewählt würde, hätten alle Starter von Samstag wohl gute Chancen. Anders die Gastgeber, die mit Akpoguma, Grillitsch und Debütant Drexler in der Abwehr improvisieren müssen – und im Angriff überraschend auf Kramaric verzichten.

Die Kräfteverhältnisse auf den Tribünen übertragen sich sogleich auf den Rasen: Die Blauen kommen kaum aus der eigenen Hälfte, während die Weiß-Roten ein beeindruckendes Gegenpressing aufziehen: Kaum ist die Kugel weg, jagen mehrere Stuttgarter den ballführenden Gegner und erzwingen so viele hohe Ballgewinne. Undav (7.) und Ito (10.) hätten bereits die Führung erzielen können, doch in der 16. Minute ist es so weit: Führich tanzt Salsa mit seinem Gegenspieler, passt zu Guirassy, der Undav mitnimmt, dessen flache Hereingabe Millot nur noch einschieben muss. Eine Traumkombination!

Die Mannschaft feiert mit ihren Fans den 18. Saisonsieg. (Foto: twitter.com/vfb)

Zur Halbzeit sind die Gastgeber mit dem 0:2 noch gut bedient. Die Dominanz des Tabellendritten ist erdrückend. Taktische Disziplin, Selbstbewusstsein und eine ausgeprägte Freude am Spiel machen diese Mannschaft so stark. Ohne jeden Zweifel gehört der VfB in dieser Form unter die ersten vier der Bundesliga – und damit in die Champions-League.

Magic Millot

Einerseits ist es nicht leicht, einen Spieler aus dieser homogenen Truppe hervorzuheben, andererseits springt er jedem Fußball-Feinschmecker sofort ins Auge: Enzo Millot. Der 21-jährige Franzose tanzt mit dem Ball, er streichelt ihn, er umkurvt seine Gegenspieler wie Slalomstangen. Es ist ein Genuss, ihm zuzusehen. Wenn der französische U21-Nationalspieler noch einen rechten Fuß hätte, wäre er schon längst in Madrid oder Manchester.

Enzo Millot sendet einen ersten Gruß an die mitgereisten Anhänger: 1:0. (Foto: twitter.com/EnzoMillot)

Garant für den ungefährdeten Sieg in Sinsheim ist auch die wiedergewonnene Spielfreude der beiden Topscorer. Starkellner Deniz serviert, der König von Cannstatt vollendet. Das 2:0 ist nicht nur eine Vorentscheidung, sondern auch ein weiterer Beleg für die Vielseitigkeit der VfB-Offensive. Undav bereitet zwei Tore zauberhaft vor, Guirassy knallt den Ball mit links in die Maschen, als ob er nie etwas anderes tun würde. Es gibt kaum einen Stürmer in der Bundesliga, der so komplett ist wie er.

Die beste Länderspielpause aller Zeiten

7 Siege aus den letzten 8 Spielen, 56 Punkte nach 26 Spieltagen, den Vorsprung auf Leipzig und Dortmund zumindest gehalten. Die VfB-Fans gehen gut gelaunt in die anstehende Länderspielpause. Wahrscheinlich werden sie sogar mal wieder bei der Nationalmannschaft reinschalten, wenn Anton, Führich, Mittelstädt und Undav auf dem Platz stehen. Letzterer sorgt für das Zitat des Abends, als er im Aktuellen Sportstudio auf die Frage, wie es sich anfühle, bald in einer Mannschaft mit Neuer, Kroos und Müller zu spielen, ganz trocken antwortet: „Und Anton. Und Führich. Und Mittelstädt …“.

Klare Ansage der VfB-Fans an die Klubführung. (Foto: twitter.com/Benni_Hofmann)

Die Funktionäre haben währenddessen eine andere Hausaufgabe für die nächsten zwei Wochen. Die Kurve macht in Sinsheim deutlich, dass sie sich nicht mit der aktuellen vereinspolitischen Situation abfinden wird. Dazu meldet sich auch der Vorstandschef zu Wort und ruft zu Ruhe und Geschlossenheit auf. Die Eskalation in den Gremien käme „zur Unzeit“.

Augen auf bei den Verhandlungen, möchte man Herrn Wehrle da zurufen. Immerhin hat er diese selbst federführend gestaltet und dürfte von den Forderungen des neuen Investors genauso wenig überrascht sein wie von den empörten Reaktionen der Mitglieder und Fans. Im Gegenteil, wahrscheinlich ist ihm daran gelegen, dass möglichst wenig Einzelheiten über den Verlauf dieser Verhandlungen an die Öffentlichkeit kommen. Sonst könnten einige Klubverantwortliche bald genauso abserviert werden wie die TSG Hoffenheim am Samstagabend.

TSG Hoffenheim – VfB Stuttgart 0:3

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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