Allgemein

Vom Chaos und der VfB-Krankheit

Gerade einmal einen Monat ist es her, dass die Zukunft des VfB von denjenigen in den dunkelsten Farben gemalt wurde, die Dietrich mit aller Macht im Amt halten wollten. Manche Journalisten waren sich nicht zu schade, alle zu diskreditieren, die für einen echten Neuanfang plädierten. Überraschenderweise sind es die gleichen, die sich heute ein Loch in den Bauch freuen, wie einst Michael Reschke über seine eigene Kaderzusammenstellung. Mislintat wird bereits als der „Baumeister des Umbruchs“ gefeiert, bevor die Saison richtig losgegangen ist. „Jemand, der sowohl die Gegenwart gestaltet, als auch die Zukunft plant.“ Dazu füllen fast täglich frohe Botschaften aus der Kommunikationsabteilung das Postfach: „Du bringst die Heimspielstimmung.“ Vor kurzem war ich noch der ungeliebte Krakeeler, der mutwillig die Zukunft des Clubs aufs Spiel setzte. Welch eine Wandlung!

Dabei habe ich mich doch gar nicht verändert. Ich springe bei Winkmanns Fehlentscheidungen immer noch wutenbrannt von meinem Sitz auf, schlage bei unsauber ausgespielten Angriffen die Hände vors Gesicht und feiere das Siegtor von Nico González noch Minuten nach Abpfiff mit einem enthusiastischen spanischen Wortschwall, bis mich die Nebensitzer in Block 51 der Kärchertribüne darauf aufmerksam machen, dass sie nach Hause wollen. Die hatten mich schon auf dem Kieker, seit ich stehend aus voller Brust in „die Leidenschaft, die Spiele drehen kann“ einstimmte, als um mich herum niemand mehr an einen Sieg glaubte. Am Ende applaudiert das Stadion stehend und Daniel Didavi führt seine Kameraden an den Zaun der Cannstatter Kurve. Wann hat es das zuletzt gegeben? Welch ein Chaos hat der Rücktritt von Wolfgang Dietrich hinterlassen!

Bevor jetzt einige schon wieder anfangen, rosarote Elefanten zu sehen, möchte ich an den Norweger Mats Møller Dæhli und den erst 19-jährigen Christian Conteh erinnern, die unsere Hintermannschaft am Samstag zeitweise ziemlich alt aussehen ließen. So war der Kraftakt gegen den ansonsten recht biederen Kiezclub auch dem Glück zu verdanken. Dem Glück des Tüchtigen, der an sich glaubt, der bis zur letzten Minute versucht, dem Arschbolzen zu entkommen. Hat der VfB, haben wir also aus dem verdientesten aller Abstiege gelernt? Ja und nein. 

Die neue sportliche Leitung hat sicherlich richtige Schlüsse gezogen, als sie Spieler wie Karazor oder Al Ghaddioui verpflichtete, deren sportlicher Mehrwert sich erst noch herausstellen muss, deren Interviews ich mir aber in Endlosschleife angucken könnte, weil sie einfach gute Typen sind. Die wollen etwas erreichen, stehen mit beiden Beinen auf dem Boden und geben der Mannschaft eine Mentalität, die eben jene Spiele aus dem Feuer reißen kann, die man letzte Saison noch verloren hat. Auch die Fähigkeit des neuen Trainers, die richtige Ansprache zu finden, hat die Mannschaft wiederbelebt. González hämmert das Ding in der neunzigsten halt rein und Didavi … das hatten wir schon.

Auf der anderen Seite macht es mich stutzig, wenn das ehrenwerte Heimpublikum schon zur Halbzeit zu pfeifen beginnt, weil der FC St. Pauli nicht sogleich an die Wand genagelt wird, weil die Angriffsaktionen ein ums andere Mal im letzten Spieldrittel scheitern oder schon der Aufbau misslingt. Wisst ihr noch, wie wir unter Korkut und Weinzierl das Spiel eröffnet haben? Könnt ihr euch noch an das Heimspiel gegen den FCN erinnern, der ähnlich wie St. Pauli nur ein oder zwei offensivstarke Akteure in seinen Reihen hatte und uns trotzdem in der Schlussphase fast noch abgeschossen hätte? Wann hatten wir letzte Saison solche Pass- und Ballbesitzquoten? Waren wir da einmal die klar zweikampfstärkere Mannschaft? Warum pfeift ihr dann? Erwartet ihr von heute auf morgen den Sprung von einem Trümmerhaufen zu einem Offensivfeuerwerk? Einige scheinen ein verdammt kurzes Gedächtnis zu haben und drohen den typischen VfB-Fehler aufs Neue zu begehen. Kaum kommen wir aus dem Schlamm gekrochen, greifen wir schon wieder nach den Sternen.

Passend zum Ende meines Sommerurlaubs ziehe ich in Gedanken einen Strich unter den Saisonstart: Die „stärkste zweite Liga aller Zeiten“ ist so unangenehm wie immer, aber gewiss kein Monster. Unsere Mannschaft lebt und hat nach drei Spielen sieben Punkte. Doch nehmen wir uns nicht nur für den freitäglichen Ausflug ins Erzgebirge Tim Walters Ansage zu Herzen: „Wir können nicht vom Großen reden, wenn wir uns für die kleinen Aufgaben zu schade sind.“

VfB – FC St. Pauli 2:1

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.