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Whiskey mit dem Ex

Stand jetzt, also Mittwochmorgen 6 Uhr, ist der VfB Stuttgart solo. Das heißt, wir haben keinen Cheftrainer mehr und der Sportdirektor wirkt ziemlich mitgenommen. Kein Wunder, denn eigentlich ist die Liebe ja noch da. Werfen wir einen Blick in den aufgewühlten Klub aus Cannstatt.

Endstation Union

Es gibt wahrscheinlich derzeit keinen undankbareren Gegner für ein Schicksalsspiel als Urs Fischers Köpenicker. Da weißt du schon vorher, dass du keinen Zentimeter Platz geschenkt bekommst. Trotzdem hat Pellegrino Matarazzo seine Mannschaft wie gewohnt gewissenhaft auf die Partie eingestellt. Mit deren eigenen Waffen will er das Überraschungsteam der Liga schlagen.

Im Duell der Gegensätze zwischen dem Ersten und dem Siebzehnten, zwischen einer der ältesten und der jüngsten Bundesligamannschaft, zwischen dem Präzisionsuhrwerk im Defensivspiel und den ungeschickten Kartenkönigen verläuft zunächst sehr ausgeglichen. Beide Mannschaften tun sich schwer, klare Offensivaktionen zu kreieren, schließen die Räume um den eigenen Strafraum aber mit viel Körpereinsatz und Disziplin. Der entscheidende Unterschied: Die Berliner nutzen einen unberechtigten Eckball in der 77. Minute zum Siegtreffer, während der Ball auf der anderen Seite nur gegen den Pfosten kullert.

Eine schwache Leistung der Matarazzo-Elf? Sicher nicht. In punkto Zweikampfhärte und defensiver Struktur sogar eine klare Steigerung, im Ergebnis aber wieder einmal nichts, nada, niente. Selten war Sven Mislintat bei der Einschätzung der sportlichen Situation so deutlich wie nach der 0:1-Niederlage gegen den Tabellenführer: „9 Spiele, 5 Punkte – das gefällt uns auch nicht. Das ist alarmierend.“.

Mit der Niederlage gegen Union endet Matarazzos Amtszeit beim VfB. (Bild: Pressefoto Baumann)

Farewell, Rino

Die Nachricht von der sofortigen Freistellung Matarazzos kommt also am späten Montagnachmittag nicht mehr überraschend. Und dennoch ist es für viele eine der schmerzhaftesten und fragwürdigsten Trainerentlassungen der Klubgeschichte.

Zum einen geht da ein aufrechter und intelligenter Fußballlehrer, der den Umgangston in Cannstatt seit fast drei Jahren auf ein Niveau gehoben hat, von dem nicht nur sein direkter Vorgänger meilenweit entfernt war. Pellegrino Matarazzo ist der Gegenentwurf zu all den tumben Fußballgrölern an den Seitenlinien.

Zum anderen steht der Tabellenvorletzte vier Tage vor dem Duell mit dem Schlusslicht aus Bochum mit heruntergelassenen Hosen da. Auch wenn die Vereinsführung mit der Entscheidung wohl Handlungsfähigkeit beweisen will, gerät an der Mercedesstraße gerade einiges ins Wanken. Der vollkommen unbeleckte Co-Trainer „Michi“ Wimmer wird die Mannschaft jetzt womöglich in das wichtige Kellerduell führen. Von einem Turn-around ist in Stuttgart weit und breit nichts zu spüren.

Mislintat spricht darüber, dass er einen Nachfolger suche, der im besten Fall auch über 1000 Tage und 100 Spiele auf der Bank sitzen solle. Seine eigene Überzeugungskraft hat jedoch zuletzt gelitten. Erinnert ihr euch, dass der Trainer vor einer Woche angeblich nicht einmal Teil der Analyse war? Sechs Wochen vor der verlängerten WM-Winterpause und wenige Tage vor einer englischen Woche ist nicht der beste Zeitpunkt, um in Ruhe den Trainermarkt zu sondieren. Einige namhafte Kandidaten werden wohl dankend ablehnen, wenn sie sich die gewaltige Aufgabe näher anschauen, an der ihr Kollege gerade gescheitert ist.

Reif für die Bundesliga?

Es mehren sich nämlich Stimmen, die an der Qualität des Stuttgarter Kaders zweifeln. Da bilden mit Karazor, Endo und Ahamada drei Spieler das Mittelfeldzentrum, die momentan hoffnungslos damit überfordert sind, das Spiel zu lenken. Im Angriff wirken Silas und Tomás zwar bemüht, verbreiten aber auch nicht gerade Angst und Schrecken in den gegnerischen Abwehrreihen. Kalajdzic-Ersatz Guirassy muss nach dem insgesamt fünften Platzverweis der noch jungen Saison gegen Bochum pausieren. Die Alternativen heißen Pfeiffer, Perea und Kastanaras.

Matarazzo sei mit seinem Latein am Ende gewesen und habe zunehmend resigniert gewirkt, sagen manche. Ich bin gespannt, wie sein Nachfolger mit den Baustellen in der Mannschaft umgehen wird. Der positive Effekt nach einem Trainerwechsel besteht ja oft darin, dass sich Knoten lösen und die Mannschaft endlich befreit aufspielt. Damit ist beim VfB nicht zu rechnen. Die vielen individuellen Aussetzer wird auch der Neue nicht auf Knopfdruck abstellen, und um eine klare Spielidee zu vermitteln, braucht es Zeit. Man hat sich am Neckar also mal wieder selbst in die Bredouille gebracht.

Es geht auch anders

Oder sind die finanziellen Zwänge schuld daran, dass der erhoffte Aufschwung nicht einsetzt? Ein guter Indikator bei der Bewertung der finanziellen Leistungsfähigkeit eines Klubs sind die Gehaltskosten des Kaders. Da liegen die Schwaben vor Mannschaften wie Augsburg, Mainz, Union und Freiburg, die nach Punkten teilweise meilenweit enteilt sind. Machen diese Klubs also einfach die bessere Personalpolitik?  

Bis Sonntagabend hat der Unioner Innenverteidiger Paul Jaeckel noch kein Bundesligator erzielt. Obwohl der 24-jährige Eisenhüttenstädter, der im Sommer 2021 aus Fürth kam, schon in diversen deutschen U-Nationalmannschaften aufgelaufen ist, dürfte er den meisten Fußballfans unbekannt sein. In dieser Saison hat er sich in der Dreierkette mit Robin Knoche und Diogo Leite festgespielt. Die drei sind zwar keine Supertalente, bilden aber zur Zeit noch vor Freiburg und Bayern die beste Abwehr der Liga. Damit stehen sie sinnbildlich für das Erfolgsrezept des aktuellen Bundesliga-Spitzenreiters.

In Cannstatt kann man von derartigen Höhenflügen nur träumen. Mit Jaeckels Kopfballtreffer kassieren die Schwaben zum 26. Mal in Folge in einem Heimspiel mindestens ein Gegentor und stellen damit den Negativrekord von Rot-Weiß Essen aus den 70er-Jahren ein. Diese Nachricht passt sehr gut zu der niedergeschlagenen Stimmung an der Mercedesstraße nach dem Matarazzo-Aus. Da hilft selbst der beste Whiskey nicht mehr.

VfB Stuttgart – FC Union Berlin 0:1

Zum Weiterlesen:

Wir wollten es so sehr! – Vertikalpass

Matarazzo bekommt keine letzte Chance – Vertikalpass

Zum Heulen – Rund um den Brustring

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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