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Mit Flashback in die Kur

„Wir haben heute im Schnelldurchlauf perfekt für unsere junge Mannschaft gesehen, was Bundesliga ist.“ Wer hat´s gesagt und wann? Es war Daniel Didavi am 19. September 2020, nachdem seine Mannschaft soeben mit 2:3 gegen den SC Freiburg verloren hatte. Die Partie gestern wirkte phasenweise wie eine Kopie des Auftaktspiels der vergangenen Saison – und doch gibt es wichtige Unterschiede.

Nochmal Prügel

Nachdem die Mannschaft schon letzte Woche in der Anfangsphase ganz schön ins Schwimmen geriet, zeigt der Sportclub aus Freiburg erneut, wie man Matarazzos 3-4-2-1 mit intensivem Pressing und Gegenpressing zu Fehlern zwingen kann. Beim ersten Tor wählt Endo den falschen Laufweg und lässt Jeong elf Meter vor dem Tor völlig freistehend einköpfen, beim 0:3 attackiert zuerst Kempf auf der linken Abwehrseite Sallai nicht konsequent genug, danach lassen sich Anton und Mavropanos am Fünfmeterraum von Höler düpieren.

Nimmt man das Gegentor gegen Fürth und die vier Einschläge in Leipzig hinzu, muss Florian Müller den Ball zum achten Mal aus dem Netz holen, ohne dass seine Mitspieler einen einzigen Treffer erzielt hätten. Phasenweise wirkt die Abwehrreihe völlig überfordert, während die Offensive nicht in der Lage ist, für Entlastung zu sorgen. Die Gerüchte um einen bevorstehenden Wechsel des gesetzten Marc Oliver Kempf und die verletzungsbedingte Auswechslung von Mavropanos beunruhigen die Anhänger zusätzlich. Müssen wir uns um die Hintermannschaft mehr Sorgen machen als um Kalajdzic, Silas und Co?

Comeback-Qualitäten

„Einen Drei-Tore-Rückstand holst du in der Bundesliga nicht so leicht auf“, weiß Sportdirektor Mislintat und hebt gleichzeitig die bemerkenswerte Reaktion der Mannschaft hervor. Der Doppelpass zwischen Mavropanos und Al Ghaddioui auf engstem Raum und die gefühlvolle Endo-Flanke genau auf den Kopf des einzigen einsatzbereiten Stoßstürmers zeigen auch das fußballerische Potenzial der Männer im Brustring. Außerdem lassen drei Tore und eine Vorlage aus vier Pflichtspielen die Zweifel an „Ali G.“ erst einmal verstummen. Noch wichtiger allerdings: Die Mentalität bleibt eine der größten Stärken des neuen VfB.

Wo bleibt Schippo?

Bleibt die Frage: Warum geht da in der zweiten Hälfte nicht mehr? Christian Streich wechselt zur Pause gleich dreimal und stellt auf Dreierkette um. Ihm ist der Kontrollverlust in den Minuten vor dem Halbzeitpfiff natürlich auch nicht entgangen. Mit einer sehr kompakten Formation will er das Tempo aus dem Spiel nehmen und die Räume eng machen. Matarazzo versucht es mit dem kreativen Daniel Didavi, aber seine Mannschaft kann sich keine nennenswerte Torchance mehr erspielen.

Die Fans warten vergeblich auf Coulibaly, Schipplock oder Polster. Auch Erik Thommy muss sich die hilflosen Angriffsbemühungen seiner Teamkollegen von der Bank aus anschauen. In der anschließenden Pressekonferenz wirkt der VfB-Trainer ungewohnt gereizt. Mit einzelnen Spielern habe das erfolglose Anrennen nichts zu tun, sondern mit fehlenden Tempowechseln und dem Bespielen der falschen Räume. Wer möchte dem Fachmann da widersprechen. Ich hätte einen Kurzeinsatz des legendären Schippo trotzdem gefeiert.

Schwierige Mission

Gefühlt ist er VfB nach drei Spieltagen schon wieder reif für eine Kur. Sehnlichst erwartet man die Rückkehr von Taktgeber Orel Mangala, die Spielberechtigung des blutjungen Ömer Beyaz und die Wiedereingliederung von Nicolas Nartey und Naouirou Ahamada. Auch wenn Mislintat schon vor dem Spiel versuchte, den Druck von der Mannschaft zu nehmen, merkt man seinem Trainer die Unzufriedenheit über die beiden letzten Auftritte deutlich an. Eine Steigerung in allen Mannschaftsteilen wird notwendig sein, um sich dauerhaft von der Abstiegszone fernzuhalten.

Dass ein zusätzlicher Angreifer auf der Wunschliste steht, daraus machen die Verantwortlichen keinen Hehl. Es soll einer sein, der ins Teamgefüge passt und auch mittelfristig einen Mehrwert bietet, gleichzeitig muss er die Durchschlagskraft vor dem Tor sofort erhöhen und darf nicht zu teuer sein. Laut Hitzlsperger arbeitet man Tag und Nacht an einer solchen Lösung. Am Dienstagabend um 18 Uhr fällt der Vorhang. Im Idealfall kann sich der Neue schon am Donnerstag im Test gegen den 1. FC Nürnberg zum ersten Mal das Trikot mit dem Brustring überstreifen.

Kein Welpenschutz mehr

Vor einem Jahr erzielten mit Silas und Sasa zwei der späteren Shooting-Stars einen Treffer beim Duell mit dem SC Freiburg und kündigten damit bereits ihre erstaunliche Entwicklung an. Kenner erkannten gleich, wie wichtig Endo und Mangala für die Balance sind. Und im Unterschied zum Spiel gestern wurde die Mannschaft damals gegen Ende immer stärker. Einige Kommentatoren sehen im Nachhinein schon hier die Initialzündung für die erfolgreiche Saison.

Heute ist die Lage anders. Die letzten beiden Spieltage haben die Mannschaft nach dem fulminanten 5:1-Auftakterfolg wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Spieler wie Massimo oder Klimovicz können so langsam keinen Welpenschutz mehr beanspruchen, die ganze Mannschaft darf ihre Unerfahrenheit nicht mehr länger als Ausrede benutzen. Es ist zwar bekannt, dass junge Spieler in ihren Leistungen schwanken, aber als Einheit sollte der VfB inzwischen so weit sein, dass man sich von einem Konkurrenten auf Augenhöhe nicht eine halbe Stunde lang dermaßen ausspielen lässt. Die zweite Saison in der Bundesliga ist immer die schwerste. Diese statistisch nicht zu belegende Fußballweisheit wird uns wohl noch eine Weile begleiten.

VfB – SC Freiburg 2:3

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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