Eine Hand am Pokal

Knospen sprießen und die Straßencafés füllen sich schon am Morgen. In Stuttgart erwacht der Frühling – und mit ihm traditionell auch der Fußballverein aus Bad Cannstatt. Die Pleiten der vergangenen Wochen sind an diesem sonnigen Mittwoch vergessen. Man spürt, dass einer jener Tage anbricht, an die man sich noch lange erinnern wird.
Kinder und Jugendliche aus der Region tragen den Brustring wieder mit Stolz. Ihre Lieblinge werden in die deutsche Nationalmannschaft berufen und von der internationalen Sportpresse beachtet. Ob der Einzug ins Finale gelingt? „Klar! Und dann holen wir den Pokal“, antwortet ein junger Fan, der den VfB noch nie in einem großen Endspiel erlebt hat.
Im Pokal-Sixpack lest ihr sechs Dinge, die man über den Fight von Mittwochabend und die bevorstehende Reise nach Berlin wissen sollte.
- Der Traum lebt! Das stimmungsvolle, am Ende jedoch unglückliche Pokalhalbfinale gegen die Eintracht im Mai 2023 hat die VfB-Anhänger daran erinnert, wie sich große Spiele anfühlen. Als die weiß-rote Fangemeinde das letzte Mal zum großen Endspiel nach Berlin reiste, spielte die heutige Generation U20 noch mit Puppen und Modellautos. Im Frühjahr 2013 hatten Gentner, Harnik und Co. den SC Freiburg im Halbfinale mit 2:1 bezwungen. Auch wenn die Mannschaft zurzeit nicht mehr so überzeugend auftritt wie die Vizemeister der vergangenen Saison: Nach 18 Jahren kann der VfB tatsächlich wieder einen Titel gewinnen.
- „Zusammen!“, schallt es aus der Cannstatter Kurve. Und: „Jeder einzelne ist der 12. Mann“. Dass die Gäste aus Leipzig den fußballerisch reiferen Eindruck machen und die Partie über weite Strecken kontrollieren? Geschenkt. Die Hoeneß-Elf hat nach der Sieglos-Serie in der Liga offensichtlich verstanden, dass man sein Glück manchmal erzwingen muss – und dass Erfolge nur möglich sind, wenn die Mannschaft geschlossen auftritt. Der Abwehrverbund um Chef Chabot und Einpeitscher Mittelstädt bringt den Vorsprung diesmal mit vollem Einsatz über die Zeit.
- Weg ins Finale: Preußen Münster, die Roten Teufel aus Kaiserslautern, Jahn Regensburg und den FC Augsburg hat der VfB vor dem als „Spiel des Jahres“ ausgerufene Duell am Mittwochabend aus dem Weg geräumt. Nach drei Zweitligisten und zwei Ligakonkurrenten wartet in Berlin nun ein Drittligist – eine vermeintlich lösbare Aufgabe. Doch man muss nur in Hannover, Köpenick, Freiburg, Bremen und Leverkusen nachfragen, wie unangenehm die Truppe von Trainer Mitch Kniat zu bespielen ist. Für Arminia Bielefeld ist das Endspiel in Berlin wohl das größte der Vereinsgeschichte.
- Kompakt: Gegen Teams, die über so hochklassige Spieler verfügen und ein so gefährliches Umschaltspiel praktizieren wie RB Leipzig, muss der Trainer abwägen: Wie hoch können wir verteidigen, ohne Räume hinter der Kette anzubieten? Wie viel Initiative dürfen wir dem Gegner überlassen, ohne in Passivität zu verfallen? Sebastian Hoeneß entscheidet sich für eine kompakte Variante und lange Bälle auf Woltemade und Demirovic statt eines gepflegten Spielaufbaus. Am Ende erweist sich der Anti-Hoeneß-Ball als erfolgreiche Strategie, auch wenn seine Mannschaft vor allem in der ersten Halbzeit einige haarige Situationen überstehen muss. Alexander Nübel rettet die Führung mit seinen Glanzparaden in die Pause.
- Woltemessi: Keine Geschichte über den VfB kommt zurzeit an dem Lulatsch von der Waterkant und seinem steilen Aufstieg vorbei. Die Hoffnungen der Fans ruhen nicht mehr auf „Deniz the menace“, sondern auf „Big Nick“. Und er liefert erneut: Eine Co-Produktion mit dem starken Demirovic vollendet Woltemade in unnachahmlicher Manier zum wichtigen 2:0 (57.). Die Shooting-Stars der vergangenen Saison schmoren derweil 90 Minuten auf der Bank. Statt Führich ersetzt Stergiou in der Schlussphase Flügelspieler Leweling, für Millot kommt nicht etwa Undav, sondern der zuletzt ausgemusterte Rieder. Der Trainer hat offenbar aus den dürftigen Leistungen der Nationalspieler in den vergangenen Wochen seine Lehren gezogen.
- Party mit alten Bekannten: In der Aufstiegssaison 2019/20 war nur eine Mannschaft besser als die mit dem roten Brustring: die Arminia aus Bielefeld mit Kapitän Klos und Spielmacher Härtel. Doch danach gingen die Wege der beiden Teams auseinander. Während sich der VfB in der Bundesliga etabliert hat, stürzten die Ostwestfalen in die dritte Liga ab. Im DFB-Pokal zeigt der Traditionsverein von der Bielefelder Alm nun, dass noch mit ihm zu rechnen ist. Am 24. Mai erwartet die Hauptstadt an der Spree eine doppelte Invasion: Halb Bielefeld wird sich auf die Reise gen Osten machen und den VfB-Fans auf den Rängen und in den Kneipen ein feucht-fröhliches und stimmgewaltiges Duell liefern.
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reybucanero74
Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson