Allgemein

Sieg im 1893. Spiel

Am Ostersonntag, an der legendären Castroper Straße, im 1893. Bundesligaspiel des Vereins – kann es einen besseren Zeitpunkt für den Wendepunkt einer bis dahin komplett verunglückten Saison geben? Wir werden erst in sieben Wochen wissen, was der erste Auswärtssieg seit 16 Monaten wert ist. Auf jeden Fall fühlt er sich verdammt gut an.

Weniger euphorisch stimmen dagegen die Begleitumstände einer Initiative zur Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Unter dem Deckmantel eines basisdemokratischen Mitgliederbegehrens greifen die vier Erstunterzeichner anonym gestreute Vorwürfe auf, mit denen sie gleich zehn Abwahlanträge – also für alle Gremienmitglieder in Präsidium und Vereinsbeirat – begründen wollen. Sollten die Mitglieder diesen Anträgen folgen, wäre der Verein ab dem Frühsommer handlungsunfähig und auf die temporäre Verwaltung seiner Geschäfte durch das Amtsgericht angewiesen.

Drei Schlüsselspieler beim 3:2-Auswärtssieg in Bochum: Guirassy, Millot und Vagnoman. (Foto: vfb.de)

Spielkontrolle nach Hoeneß´ Art

Beginnen wir aber mit Fußball. Die Hoffnung lebt wieder in Bad Cannstatt und daran hat Sebastian Hoeneß seinen Anteil, auch wenn die ersten beiden Gegner seiner Amtszeit nicht gerade furchteinflößend auftraten. Der ehemalige Hoffenheim-Coach hat damit schon genauso viele Siege vorzuweisen wie Vorgänger Labbadia. Aber auch die Rückkehr des wochenlang verletzten Schlüsselspielers Guirassy trägt dazu bei, dass wieder mehr Struktur im VfB-Spiel herrscht.     

Auf den ersten Blick sind die beiden schnellen Tore als Antwort auf den Bochumer Ausgleich der Schlüssel zum Sieg tief im Westen. Wie oft hat sich die Mannschaft mit dem Brustring in der Vergangenheit von solchen Rückschlägen aus dem Rhythmus bringen lassen? Doch dieses Mal werden die ganz in blau gekleideten Gastgeber nach dem geschenkten Elfmeter (58.) durch einen Doppelschlag kalt erwischt. Guirassy drückt Sosas traumhafte Außenristflanke über die Linie (60.), bevor Vagnoman davon profitiert, dass Riemann eine Millot-Flanke unterläuft (63.).

Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es den Weiß-Roten 70 Minuten lang gelingt, das Bochumer Spiel schon im Ansatz zu unterbinden. Guirassy als Organisator des Angriffspressings setzt die gegnerischen Abwehrspieler zusammen mit Führich und Millot schon am Strafraum unter Druck. Die daraus resultierenden langen Bälle sind für Anton, Mavropanos und Co. meistens eine leichte Beute. Im eigenen Ballbesitz fungieren Guirassy und der weit aufrückende Vagnoman als Zielspieler, die den Ball zwar nicht immer festmachen und weiterleiten können, aber auch die zweiten Bälle landen oft bei den lauf- und zweikampfstarken Stuttgartern. Bis Ex-VfBler Förster im Strafraum zu Boden sinkt, spielen sich die Gastgeber keine echte Torchance heraus.

Kleine Stellschrauben

Natürlich kann Sebastian Hoeneß innerhalb von sechs Tagen keine Wunder vollbringen. Aber er hat mit wenigen Umstellungen eine große Wirkung erzielt: Anton organisiert jetzt wieder als zentrales Glied der Dreierkette den Deckungsverbund, Vagnoman und Sosa können als Schienenspieler ihre Offensivqualitäten einbringen und Millot beweist, dass er mehr ist als ein Schönspieler für die Gallerie. Ausgerechnet im mit Spannung geladenen Abstiegsduell legt der junge Franzose seinen wohl besten Auftritt im Trikot mit dem Brustring hin. Immer wieder luchst er seinen Gegenspielern den Ball ab und weiß ihn danach auch unter hohem Druck zu behaupten. Dass er ein guter Fußballer ist, zeigt er nicht nur vor dem dritten Tor. Da macht er nämlich zunächst mit Ito und Sosa auf dem linken Flügel ein Eckchen auf, bevor er gleich zwei Gegenspieler auf engstem Raum vernascht und eine gefährliche Flanke auf den zweiten Pfosten zieht.

Vagnoman nutzt nach Millots schöner Vorarbeit Riemanns Fehler zum 1:3. (Foto: Daniel Löb/dpa)

Doch auch das neue Konstrukt ist noch ziemlich wackelig. Nach den Wechseln gelingt es Pfeiffer, Haraguchi und Silas nicht, die Passwege so clever zu schließen und den Druck auf den Ballführenden so hochzuhalten wie zuvor. Der VfL gewinnt in den letzten 20 Minuten zunehmend die Spielkontrolle und erarbeitet sich Torchancen. Nur mit größter Mühe retten die Gäste die knappe Führung über die Zeit. Von der über weite Strecken gezeigten Souveränität ist da nicht mehr viel übrig.  

Demokratie oder Demagogie?

Von souveränem Auftreten sind die Gremien des Vereins schon seit Längerem weit entfernt. Dass da bei einigen Mitgliedern der Wunsch nach personellen Veränderungen aufkommt, ist nachvollziehbar. Die Art und Weise des Vorgehens lässt allerdings genau das vermissen, was die Initiatoren angeblich anstreben: Transparenz und Professionalität. Abwahlanträge sollten fundierter begründet sein als durch die „extreme Häufung an Verdächtigungen“, und sie dürfen auch nicht als Stimmungsbarometer missbraucht werden.

Wenn es für die Strippenzieher im Hintergrund dumm läuft, kommt jemand auf die Idee, die Quellen der anonymen Verdächtigungen zu eruieren. Bekommen die Pseudonyme plötzlich Gesichter, könnte der eine oder andere Abwahlantrag, der nur aus taktischen Gründen gestellt werden soll, nach hinten losgehen. Spätestens dann wird auch das letzte Mitglied verstehen, dass Demokratie und Demagogie zwar etymologisch den gleichen Ursprung haben, sonst aber wenig gemein.

Mehr Leistungssprünge

Zurück zum Sport. Vor dem Heimspiel gegen den Tabellenzweiten aus Dortmund ist das Trainerteam gut beraten, mit dem gleichen Pragmatismus wie in den ersten Tagen weiterzuarbeiten. Die Einsatzbereitschaft und Widerstandsfähigkeit aus dem Bochum-Spiel muss die Mannschaft auch in den verbleibenden sieben Ligaspielen auf den Platz bringen. Gleichzeitig gilt es, das zarte, neu gewonnene Selbstvertrauen zu hegen. Neben Millot und Vagnoman sollten in den kommenden Wochen weitere Spieler einen Leistungssprung machen.

Wer vor der Saison dachte, dass Silas (4 Tore / 2 Vorlagen) und Tomás (2/3) zu Garanten für den Klassenerhalt würden, oder dass Coulibaly (1/0) und Egloff (0/0) bereit für den nächsten Schritt seien, sieht sich bislang getäuscht. Vielmehr scheint die Mannschaft in der Offensive auf Leihspieler Guirassy angewiesen zu sein. Wie schnell sich die Lage allerdings ändern kann, zeigt die erste Woche unter Sebastian Hoeneß. Wer weiß, welche Überraschungen uns im Saisonendspurt noch bevorstehen.

VfL Bochum – VfB Stuttgart 2:3   

Zum Weiterlesen:

Der VfB kann leiden – Vertikalpass

VertikalGIF #BOCVfB: Halleluja! – Vertikalpass

Eine neue Hoffnung – Rund um den Brustring

Der Faktor Guirassy beim VfB: Was der Stürmer dem Stuttgarter Spiel gibt – News über den VfB Stuttgart – Zeitungsverlag Waiblingen (zvw.de)

Bredlow und des Trainers magische Worte – kicker

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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