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Nick und das große Geld

Schon nach einer Spielzeit verlässt er den VfB wieder: Nick Woltemade. (Foto: picture-alliance)

Selbst in den Fernsehnachrichten wird die Breaking News verlesen: Nick Woltemade steht vor einem Wechsel nach England. Sage und schreibe 85 Millionen Euro Sockelablöse soll Newcastle United für den Spieler nach Stuttgart überweisen. Das sind zweieinhalb Pavards, fast drei Gomez´ und ungefähr sechs Khediras. Damit ist der VfB Stuttgart auf einen Schlag reich. Doch macht das Geld den Klub und seine Anhänger glücklich?

Oberstes Regal

Als Woltemade im Sommer 2024 ablösefrei an den Neckar kam, wusste man nicht so recht, in welche Richtung sich der Lulatsch entwickeln würde. Dass er kicken kann, hat er bei seinen 30 Bundesligaeinsätzen für Werder Bremen in der Saison 23/24 bewiesen. Andererseits waren dem großgewachsenen Angreifer bis dahin erst zwei Tore in der höchsten deutschen Spielklasse gelungen. Ein Goalgetter sieht anders aus.

Inzwischen stehen in 70 Bundesligapartien 14 Tore zu Buche, hinzu kommen 6 im DFB-Pokal. Keine schlechte Bilanz für einen 23-Jährigen, aber auch nicht die eines Wunderkinds. Jeder kann sehen, was dem geborenen Bremer noch zu einem kompletten Stürmer fehlt: Sein Passspiel, die Laufwege und das Timing beim Kopfball lassen noch einiges zu wünschen übrig. Im Supercup zeigte ihm zuletzt Dayot Upamecano die Grenzen auf. Gegen den französischen Nationalverteidiger zog Woltemade in fast jedem Zweikampf den Kürzeren.  

Trotzdem sind sich der Spieler und sein Berater offensichtlich sicher, dass der nächste Karriereschritt fällig ist. Nicht weniger als europäische Spitzenklasse soll es sein. Der bayerische Rekordmeister oder jetzt eben der Scheich-Klub aus Nordengland, der in dieser Saison zum vierten Mal in seiner Geschichte für die Champions-League qualifiziert ist. Dort soll er Nachfolger von Alexander Isak (25) werden, der neben 86 Toren in der Premier League auch schon 105 Treffer in der spanischen La Liga erzielt hat.

Neue Herausforderung

Für die sportliche Leitung und das Trainerteam beim VfB stellt der späte Abgang eines Leistungsträgers natürlich eine Herausforderung dar. Sebastian Hoeneß soll die Mannschaft nach langer Durststrecke dauerhaft unter die Top 6 der Bundesliga führen. Kein unrealistisches Ziel angesichts des insgesamt ordentlich besetzten VfB-Kaders, allerdings fehlen vier Tage vor Transferschluss noch ein offensiver Mittelfeldspieler und auf einmal auch ein Woltemade-Ersatz.

In den ersten Saisonspielen ist deutlich geworden, dass die VfB-Offensive derzeit vor allem an zwei Dingen krankt: Es mangelt an Spielern, die Bälle in der gegnerischen Hälfte festmachen können, und an jemandem, der kreative Momente in das zuweilen gleichförmige Angriffsspiel der Schwaben einbringt. So unvollkommen Nick Woltemade als Stürmer noch sein mag, konnte er an guten Tagen beide Anforderungen erfüllen. Die Hoeneß-Elf verliert mit ihm zweifellos ein strategisch wichtiges Element.

Die Perversion des Geschäfts

Neben der sportlichen Herausforderung Premier League dürfte für die Woltemade-Seite auch der monetäre Aspekt eine wichtige Rolle gespielt haben. Spieler und Berater verbinden dem Vernehmen nach mehr als eine berufliche Beziehung. Beide machen mit dem Transfer zu Newcastle United wohl das Geschäft ihres Lebens.

Dass ein Klub für einen zwar vielversprechenden, aber unfertigen Spieler eine so hohe Summe investiert, wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Seit 2021 befindet sich Newcastle mehrheitlich im Besitz des saudi-arabischen Staatsfonds, der unter Einsatz massiver Geldmittel in die Spitze des europäischen Fußballs vordringen will. Der VfB erhält dadurch mit Abstand die höchste Transfersumme, die man jemals für einen Spieler eingenommen hat.

Ob die sportliche Leitung und das Trainerteam in der Lage sein werden, das pralle Konto in sportliche Qualität umzumünzen, ist alles andere als selbstverständlich. Progrebnyak und die Gomez-Millionen lassen grüßen.

Zum Weiterlesen und Weiterhören:

Nach Woltemade-Transfer: 85 Millionen und viele Probleme

RudB257 – 90 Millionen für 60.000 Henkelbecher – Rund um den Brustring

Mein erstes Spiel im Stadion: 1980 VfB – HSV 3:2 (Tore: Müller, Kelsch, Allgöwer) Mein schönstes Stadionerlebnis: 1991 VfB – BVB 7:0 (Allgöwer 2, Sverrisson 3, Walter 2) Meine erste Auswärtsfahrt: 1991 BVB – VfB 0:0 Emotionalster Erfolg: 1992 Deutscher Meister, letzter Spieltag B04 – VfB 1:2 (Tore: Walter, Buchwald) Lieblingsspieler: Helmut Roleder, Asgeir Sigurvinsson

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